High Noon

Wo zwei Straßen sich kreuzen entsteht eine Stadt, heißt es bei Harun Farocki.

Wo sich drei Wege kreuzen entsteht ein Film, möchte man in unserem Fall meinen. 

Welcher wäre also ein geeigneter Ort für unsere Wegkreuzung und somit der Abschluss für den Film?

Ein nicht realer Ort? Eine Verneinung des Treffens? Etwa indem wir aneinander vorbei gehen? Uns gewissermaßen verpassen, verlieren, ignorieren oder uns verirren?

Bild, Text und Ton würden in dem Fall keine Synchronisation finden. Vielleicht braucht es die auch nicht.  Was braucht es dann? Was für ein Bild, was für einen Text und was für einen Ton? Reicht ein einfaches Hallo und Tschüss?

Jeder kennt das Gefühl, wenn man sich nach einer längeren Zeit mit Vorfreude auf das Wiedersehen, mit jemandem trifft. Meistens wird die Erwartung auf das Treffen nur enttäuscht; so ist es jedenfalls zumeist bei sich Liebenden. Um diesem Ur-fehler des menschlichen Miteinander entgegenzuwirken, wurde wohl das happy-end erfunden. Das, vor dem Hintergrund dass, jede Erzählung einer Reise gleicht und somit eine Entwicklung durchmacht: das Ausbrechen aus der gewohnten Umgebung, um nach dem Abenteuer, verändert wieder zurückzukehren. Meistens hat sich dann etwas geändert, entweder in der einstmaligen gewohnten Umgebung oder aber in einem selbst. Hält der Charakter dieser Entwicklung nicht Stand, braucht es ein happy-end: Protagonist und Zuschauer sind miteinander verschmolzen; der Trick mit der Identifikation ist gegelungen und alles wird wieder gut.

Mit happy-end ist nicht die Katharsis gemeint, denn die gab es schon zu Zeiten Aristoteles, als der Mensch noch in der Lage war, der Poetik verschiedener Kunstformen, seine vollste Aufmerksamkeit zu schenken. (Leider galt das nur für diejenigen gehobenen gesellschaftlichen Standes; so ist es mit der Zeit und Aufmerksamkeit für die schönen Dinge heute nicht viel anders)

Wären es ein Western, gäbe es ein shoot-out. Wer sackt das Gold am Ende ein? Der Gute, der Böse oder der Hässliche? 

Würde ich meinem bisherigen Verfahren folgen, müsste es ein Gespräch geben; womöglich eines indem diese Fragen verhandelt werden würden, d.h. In der Bäckerei traf ich für gewöhnlich den Bäcker, wo treffe ich dann den Filmemacher oder den Künstler? Laut einem Passanten in Karlsruhe trifft man die Künstler nicht einfach auf der Straße, sondern im Atelier. Folgerichtig treffe ich den Autor eines Films auf dem Set. Bei einem Film dessen Set bisher auf Frankreich, Belgien, die Schweiz und Deutschland verteilt war, kann also nur der Ort des finalen Treffpunkts für das finale Setting geeignet sein, sonst hätte ich nur inkonstante Variablen bei denen es zu keiner Überschneidung kommen könnte.

Wie muss man sich den Treffpunkt also vorstellen? Ein austauschbarer Ort, der überall auf der Strecke gelegen haben könnte: ein Feld, eine Kreuzung, ein Bahnhof, eine Kneipe, ein Parkplatz, ein Lagerfeuer.

Wichtig wäre ein Ort der bei einer Wegbeschreibung auffindbar wäre, ein sog. Landmark. Ein auffälliger oder leicht erkennbarer Ort in der Landschaft; etwas das man kaum verfehlen kann.

In den Westernfilmen findet der shoot-out meistens um zwölf Uhr Mittags, auf der einzigen Hauptstraße des Ortes, zwischen Saloon, Bank und Büro des Sheriffs statt. Heute wäre das wohl ein Marktplatz, mit links einem Bäcker, rechts einem Metzger und irgendwo noch ein Drogeriemark.

Das scheint mir noch nicht das richtige Ende zu sein. Vielleicht doch lieber im Schittraum, überhaupt keines, oder doch hier?

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Pauli

Die Nacht war eine Zumutung. Eine anstehende Erkältung ahnend bin ich gestern nach Holzminden gekommen und habe vergeblich nach einem bezahlbaren Zimmer gesucht. Alles ausgebucht schon seit Wochen: Pfingsten. Schon ärgere ich mich über den Lokaltourismus obwohl ich selbst dazu gehöre.

Nur auf einem Wohnmobil-Campingplatz gibt es ein kleines Rasenstück am letzten Zeltstrand. Schon sehne ich mich nach dem Wald, aber eine Dusche hat heute Vorrang. Nachts kommt das Fieber, erst schwitze ich erbärmlich; die Zeltwände sind klitschnass. Dann kommen die Kälteattacken. Erst am frühen morgen finde ich etwas Schlaf. Dann setzt der Regen ein.

Erschöpft baue ich das Zelt ab und überlege ein Stück Zug zu fahren, doch ein innerer Trotz regt sich. Lieber laufen, es wird schon irgendwie gehen. Nach drei Kilometern spüre ich bereits die Anstrengung, heute ist kein Tag zum Vorwärtskommen. Ich kehre um Richtung Bahnhof und komme dabei an einer Tankstelle vorbei. Ein Typ mit Rucksack und Isomatte winkt mich heran und kommt direkt auf mich zu: „Ey mann! auch n Berber? Wo willste hin? Ich bin Ralf oder Pauli, schon seit 26 Jahren unterwegs…“ Ich erkläre ihm dass ich das für ein Projekt tue, aber ich bin für ihn ganz klar auch Landstreicher. Wir gehen ein Stück gemeinsam in Richtung Bahnhof. Er spricht pausenlos, wiederholt sich dabei manchmal, wirkt aber sonst klar im Kopf.

Geh bloß nie nach Holland, da haben sie mir das Bein gebrochen. So ne Gruppe Halbwahnsinniger, so nenn ich die Jungendlichen, verstehste? Mein Bein auf die Bordsteinkante gelegt und dann ist einer drauf gesprungen. Ich bin dann noch zehn Kilometer bis über die Grenze nach Deutschland gelaufen, mit nem offenen Bruch. Da haben die mich zusammengeflickt und das Bein gerettet, Gott sei dank… Aber nun humple ich und bin nicht mehr so schnell.“

Mittlerweile sind wir am Bahnhof angelangt und sitzen in einer leeren Bushaltestelle. Er kommt ursprünglich aus Lutterstadt-Wittenberg und war schon mehrfach im Gefängnis. Zuerst bei der Staatssicherheit der DDR nach einer Demonstration und Solidaritätsbekundung für Nelson Mandela. Als der Richter bei der Verlesung des Urteils sagte: „Sie sind eine Distel in unserem sozialistischen Rosenstaat!“ antwortete er: „Und sie sind der Ochse der sie abfrisst!“ Für diese Frechheit wurde die Strafe ein halbes Jahr verlängert. Zuletzt saß er vier Monate wegen Schwarzfahren im Zug.

Ich frage wie er zum Berber wurde und er erzählt, wie er nach dem die Gefängnisstrafe abgesessen war einen Ausreiseantrag stellte und diesen Ende der 80er auch bewilligt bekam. Er ging anschließend nach Hamburg, schlug sich als Hafenarbeiter durch und heiratete. Wenig später wurden seine beiden Töchter geboren. Eines Tages hatte er früher Schichtende und erwischte seine Frau mit seinem besten Freund im Schlafzimmer. Im folgenden Scheidungsverfahren verlor das Sorgerecht und musste eine hohe Abfindung zahlen. Völlig mittellos und allein, fand er sich auf der Straße wieder. Seit dem ist er unterwegs, ohne festen Wohnsitz, vogelfrei. Seine Töchter hat er nie wieder gesehen, der Datenschutz verweigert sämtliche Auskünfte.

Es ist kalt geworden, ich schlage vor in die Bahnhofskneipe zu gehen. Wir sind die einzigen Gäste, ein sympathisch aussehender Grieche leitet das kleine Lokal. Wir trinken Bier und Ralf fährt fort ohne Unterlass zu sprechen. Es sind zu viele Geschichten, ich kann sie kaum alle behalten. Plötzlich sieht er mir fest in die Augen und meint:

Egal was geschieht, ich komm sicher nicht in die Hölle.“ In Hamburg kam er nach der Scheidung schnell in Kontakt mit dem Prostitutionsbusiness auf der Reeperbahn. Vom Betteln auf der Straße kannte er die Mädchen und als eines mit blau geschlagenem Gesicht zum Anschaffen erschien, packte er sie am Arm und sie rannten bis zum nächsten Bahnhof.

Die sah schlimm aus, verstehste? Völlig geschändet. Da sind vier kerle drübergestiegen. Da hab ich die Hacken von ihren Schuhen abgebrochen und wir sind gerannt was das Zeug hält. Hab sie noch in den Zug gesteckt, die hat gezittert sag ich dir…. Aber sie ist jetzt weit weg, hat geheiratet und alles ist gut.“

Die Stimme versagt ihm, wir sitzen eine Weile schweigend und sehen eine Dokumentation über deutsche Auswanderer in Australien. Es ist spät geworden, ich muss weiter. Zum Abschluss drückt er mir fest die Hand: „Denk dran man sieht sich immer zweimal im Leben. Alte Berberweisheit.“

Schöne Landschaft

Hand in Hand bin ich lange Tage mit dem Rhein gegangen. Auf dem Weg traf ich verschiedenste Leute und alle Sprachen sie von der Schönheit der Region. Wen kann ich also nach der Schönheit befragen? Sie meinen wahrscheinlich die schöne Landschaft. Und wen frage ich was die Landschaft ist?

Bis Bingen bin ich gekommen. Bingen klingt gut, hier will ich bleiben. Vielleicht erfahre ich hier etwas über die Schönheit der deutschen Landschaft. Gewünscht hätte ich mir einen Platz auf der Terrasse mit Blick auf den  Rhein und mit den dahinterliegenden Weinbergen und darauf die Burgen. Von weitem sieht es so aus als habe man, das ohnehin schon wohlgeformte Gelände durch die regelmäßige Anordnung der Rebstöcke und Rebzeilen, versucht, eine ornamentartige Verschönerung des Geländes vorzunehmen. Die Burgen oben drauf vervollständigen das Modellhafte dieses Anblicks. Sattdessen sehe ich zu meiner rechten, durch eine kleine Fensterscheibe, die leeren und verregneten Freisitzmöbel auf dem Platz und dahinter einen glücklosen italienischen Eisverkäufer. Ich bestelle zu meinem echten deutschen Spargelsalat, grüner und weißer Spargel angemacht mit Vinaigrette Soße, einen trockenen Riesling Kabinett aus der Gegend Rheinhessen. Ist Landschaft also die dünne horizontale Linie an der sich Land und Atmosphäre scheiden oder ist Kultur vielleicht das richtige Wort dafür? Solange das Wort schön alles zu erklären scheint wird sich dafür keine Antwort finden.

Ergänzung 1:

Ich denke, dass es verschiedene Erfahrungsebenen für Landschaft gibt, unabhängig davon das Landschaft immer in einem, sich gegenseitigen bedingenden Verhältnis zwischen Natur und Kultur steht. Denn selbst der Blick auf eine Landschaft ist kulturell vorgeprägt. In diesem Sinne gibt es die schöne Landschaft, die man sich passiv durch die Abbildung und Darstellung von Landschaft ansieht, die Landschaft die man im vorbeifahren vom Zug oder vom Auto aus betrachtet oder aber die Erfahrung, wenn man Landschaft erobern muss, mit der eigenen Lebenszeit und Lebenserfahrung; mit seinem Körper und dem Geist. Letzteres verlangt eine Verinnerlichung dessen was man Landschaft nennt. So muss man den Begriff der Landschaft individuell erst Formen um ihn zu begreifen. Schön ist vielleich das was, in der Erinnerung daran, davon bleibt.

Ergänzung 2:

Wie würde denn die schöne Landschaft klingen? Vielleicht würde man erst das Harfenspiel der Loreley hören und bald darauf die, an den Felsen zerschellenden, Schiffe. Apropos: in Dubai soll es auf öffentlichen Plätzen Lautsprecher geben aus denen Vogelstimmen klingen, da es in der Wüste nunmal keine oder jedenfalls nicht die Vogelarten gibt die klanglich ins konstruierte Landschaftsbild passen. Wie könnte also die schöne Landschaft ohne die Lokalsprache auskommen? Die der Menschen und der Tiere? Lautsprecher in der Hecke aus denen mit badischem Akzent Landschaftsbeschreibungen zu hören sind? Heute ist es indes das schlechte Englisch der vielen europäischen Touristen, denen man unvermeidlich mit halbem Ohr zuhören muss.

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Die Zeit im Blick

In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse überschlagen. Ich hatte versucht zu fokussieren doch stattdessen ist der Zufall, einmal mehr, Herr über mein Schaffen. Zu sehr beeinflussen mich die Begegnungen mit den Menschen und mit der Landschaft. Ich wollte die Methode ändern, doch es liegt mir nicht; es liegt mir nicht die Methode zu ändern, schon gar nicht bei der knappen Zeit, die noch bleibt.  Es ist bezeichnend dass meine analoge Uhr und meine digitale Uhr eine unterschiedliche Zeit anzeigen. Die Analoge zeigt etwa, seit zwei Tagen entweder 3 Stunden und 33 Minuten früher oder aber 9 Stunden und 57 Minuten später an und das jeweils plus-minus 12 Stunden (0-12h & 13-24h). Was ist mit der Zeit geschehen? Reise ich schon durch sie hindurch, wie in den Sci-Fi-Serien, wenn die Autoren nicht mehr wissen was es zu erzählen gibt, oder ist die Zeit etwa verloren gegangen?

Über Gott und die Welt

Ich versuche anhand der Tätigkeit der Personen Fragen an sie zu stellen die ihrem Lebens und Arbeitsumfeld entsprechen, denn nur im seltensten Falle ergeben sich interessante Gespräche außerhalb der Interessensbereiche, die mehr als nur Allgemeinplätze austauschen, sobald die gemeinsame Gesprächsgrundlage verlassen wird; vor allem dann wenn es um Persönliches geht. Manche Menschen kann man jedoch erstmal nicht einschätzen, oder eben nur falsch, dann entstehen die wirklich interessanten Gespräche parallel zur eigentlichen Gesprächsgrundlage. Am Gang eines Menschen kann man übrigens auch nichts über sein Wesen oder den sozialen Status ablesen habe ich gelernt.

 

Zwischen Gott und der Welt

Kurz vor Mannheim ist er plötzlich da. Er trägt zwar keinen Hut doch einen Bart, sieht nicht aus wie ein John oder Frank, sein Name sollte Thomas sein; schwarze Kleider und nur einen kleinen Rucksack. Wie ein Wanderer im klassischen Sinne sah er nicht aus, eher wie ein Stadtflaneur oder aber ein Landstreicher, dafür wiederum zu wenig heruntergekommen. Er ist mir auf Anhieb sympathisch und trägt etwas Vertrautes in seiner Art. Wir laufen ein Stück zusammen. Wo er her kommt will er mir nicht sagen, auch nicht wo er „wirklich“ herkommt.

 

Zwischendurch begegnen wir anderen Personen. Er bemerkt meine Arbeitsweise und fragt ob es, „zwar nicht moralisch“, aber rein rechtlich nicht problematisch sei, Leute ohne ihr Einverständnis aufzunehmen und die Gespräche für den Film zu verwenden. Ich sage ihm, „Filmemachen ist eine Grauzone“.

Über vieles, das hier keine Erwähnung finden kann, haben wir gesprochen. So plötzlich wie wir uns begegnet sind trennen wir uns ohne großen Abschied auch wieder.

Bis bald mein Freund

 

Während der letzten Tage bin ich viel an Weinbergen vorbei gekommen. Am Ortseingang eines winzigen Ortes vor Mainz, finde ich ein altes Haus mit Garten von wo aus ich das ganze Gebiet überblicken kann. Dort schlage ich mein Zelt auf. Als es dunkel genug ist steige ich hinab, auf der Suche nach Menschen, doch ich finde nur Katzen die mich in der Dunkelheit begleiten. Ich werde zum Cliche: ein Fremder der des Nachts herumstreunert. Es ist mir unangenehm also steige ich wieder zurück hinauf auf meinen Weinberg.

Am nächsten Morgen laufe ich wieder durch flaches Gelände. Regelmäßig hängen die Rucksäcke der Saisonarbeiter an den Rebstöcken. Ich frage mich kurz was sie darin wohl mit sich tragen. Am naheliegendsten wäre es etwas zu trinken und zu essen darin zu finden. Ich mache mir einen Spaß daraus in den einen Rucksack eine Banane, einen Apfel und eine halbe Packung Nussmischung hineinzulegen.

Im Tal treffe ich endlich einen Winzer. Er beantwortet alle meine Fragen, unter anderem auch die, ob die Felder auf ebener Fläche auch Weinberge genannt werden. „Ja, dort werden in der Regel die schlechteten Sorten angebaut“. Er empfiehlt mir wieder im hügeligen Gelände zu laufen, dort soll es landschaftlich, mit Ausnahme der Wimdräder im Hintergrund, besonders schön sein.

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Ich komme per Zufall an die Gedenkstätte des KZ Osthafen

 

Ich brauche viel Zeit, die Audiofiles anzuhören und für diesen Beitrag auszuwählen. Ich fasse mich also kurz und fasse in zehn Worten meine bisherige Reise zusammen.

Stadt – Land – Fluss – Weg – Mensch  – hier – dort – sein – wieder – fremd

 

Luftlinien

In dem beschaulichen Ort Bad Gandersheim fällt mir ein Plakat für eine Veranstaltung auf dem hiesigen Flughafen ins Auge. Ungläubig befrage ich mein Telefon und stelle fest, dass es nur ein kleinen Umweg bedeutet diesen zu besichtigen. Nach einem längeren Anstieg stehe ich schließlich am Rand einer kleinen Landebahn nebst einem Miniatur-Kontrollturm. Im unteren Bereich des Turms befindet sich ein einladendes Lokal. Schnell komme ich mit der sympathischen Betreiberin Sylia und ihren Mann ins Gespräch, die mir großzügig die Dachterrasse anbieten und mich sogar zum Essen einladen. Gastfreundschaft wird hier großgeschrieben. Die Sonne steht hoch und es liegt eine angenehme Ruhe über dem Platz. Vielleicht zum ersten Mal habe ich das Gefühl an einen Ort gelangt zu sein, der mich zur Ruhe kommen lässt. Morgen soll der Südniedersachsen-Cup der Segelflieger stattfinden und ich beschließe zu bleiben.

Am Nachmittag treffen die ersten Piloten ein und auch die ansässigen Flieger des SFC Bad Gandersheim lassen sich blicken. Es herrscht ein harter aber herzlicher Umgang, ich lasse mir von „Willy“ dem zweiten Vorsitzenden des Vereins die Maschinen zeigen. Sein Detailwissen scheint grenzenlos, noch auf die detailliertesten Fragen antwortet er mit absoluter Präzision. Besonders im Gedächtnis bleibt die Erkenntnis, dass der Flügel im Bezug auf Strömungswiderstand idealerweise endlos lang wäre, denn die meisten Luftwirbel bilden sich an der Spitze.

Am Abend wird der Durst mit reichlich Bier gelöscht. Ich lerne den Rest der Besatzung kennen, die meisten haben sich hier oben einen Campingwagen neben die Flughallen gestellt. Es sind auch sehr junge Piloten dabei: Erik und Benni, die Stimmung ist ausgelassen. Als Willy den Feuerkorb umwirft und Erik nur durch einen unglücklichen Rückwärtssalto entkommen kann, bei dem einige Flaschen Bier durch die Luft wirbeln und ihren Inhalt über meinem Kopf verteilen, wird es langsam Zeit schlafen zu gehen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen darf ich das Prunkstück des Vereins sehen, eine Dornier Do27 gute 60 Jahre alt. Ursprünglich war dies eine Rettungsmaschine, konstruiert von der Wehrmacht, die Liegen im hinteren Teil sind nun Sitze. Die Deutschen waren exzellente Flugzeugbauer erzählt man mir, aber durch die Kriegsschuld durfte dieser Industriezweig nicht mehr aufrecht erhalten werden. Ich filme fasziniert wie liebevoll die Männer ihre Maschine behandeln.

Nachdem das Fahrgestell aufgepumpt und justiert ist, sind wir startbereit.

Es ist eine interessante Erfahrung, alles ist schlicht und einfach gehalten, dagegen wirkt ein heutiges Automobil wie ein Raumschiff. Im Fall des Absturzes nützt natürlich kein kein Airbag mehr etwas.

Die Maschine zieht schnell nach oben, braucht nur ein kleines Stück der Startbahn. Für ihre Größe liegt sie erstaunlich ruhig in der Luft. Unter mir sehe ich wie sich Straßen, Felder und Häuser in Flächen verwandeln. Die Wege scheinen Linien zu sein die man nur mit dem Finger nachziehen muss. Mehrfach hatte ich mir vorgestellt schneller voran zu kommen. Ich war zwei Wochen nur zu Fuß unterwegs. Dieses plötzliche Abheben, über den Dingen zu stehen, die Perspektive zu ändern kommt einem Rauschzustand nahe.

Drei mal starten und landen wir, danach ist der kurze Traum vorbei.

Das Wetter ist zum Segeln zu schlecht, der Wettkampf kommt nicht recht in Fahrt. Ich filme einige Test Starts und Landungen, dann wird es Zeit weiter zu ziehen. Selten fiel ein Abschied schwerer auf dieser Reise.

Ich laufe nun auf der Straße die ich aus der Luft gesehen habe. Ich beschleunige die Schritte. Hinter meinem Kopf ziehen die Gedanken kleine Wirbel im aufkommenden Wind.

Vom törichten Irrtum, Sprengkörper in den Wäldern nur in den Ardennen zu vermuten

Bevor ich nach einem strammen aber sehr schönen, zugegeben etwas touristischen, Marsch Düren erreiche, passiere ich noch die letzten Waldabschnitte. Etwas wehmütig, denn mir ist klar dass das eine Weile die letzten sein könnten. Ich nehme eine Abkürzung außerhalb der Wege um noch etwas echten Wald zu riechen, echten Waldboden zu begehen. Um mich herum sind plötzlich viele kleine Schnipsel Absperrband; alle 10 Meter ist eine Stelle auf dem Boden gekennzeichnet. Ich sehe mir die Stellen an, erkenne nichts Besonderes. Eine botanisch vielleicht einzigartige Begebenheit? Nach 1km glaube ich wieder den Weg gefunden zu haben, als hinter mir jemand schreit:

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„Sind Sie denn des Wahnsinns?“

Eigenartig, er kennt mich nicht aber scheint mich schon zu durchschauen.

„Kommen Sie gefälligst hierher; ich werde Sie zurück auf den Rettungsweg bringen!“

„Den Rettungsweg? Vor was muss ich denn gerettet werden?“

„Sie befinden sich auf höchst gefährlichem Gebiet. Um sie herum sind gekennzeichnete Stellen; ist Ihnen das denn nicht aufgefallen?“

„Na ja, doch…“

„Es liegen noch einige scharfe Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg vergraben, teilweise sogar nur halb vergraben. Wenn Sie diese berühren, kann schnell alles aus sein!“

„Von der Seite aus der ich gekommen bin, war aber nicht gerade etwas zu sehen wie Warnschilder oder dergleichen.“

„Von wo kommen Sie denn?“

„Aus Vicht“

„Da sind die Kollegen gerade. Spaziergänger haben gestern zwei Splittergranaten entdeckt; daraufhin wurden von meinen Kollegen weitere drei Bomben gefunden; zwei davon waren scharf.“

„Ok, dann lassen Sie uns doch den Rettungsweg aufsuchen.“

Wir gehen zusammen einige hundert Meter in die ganz andere Richtung um diesen zu finden. Quer durch den Wald ist eine Art Umleitung eingerichtet. Das Schild „Rettungsweg“ versteht man ein wenig, aber ein anderes mit panikmachenden Symbolen wie einer Explosion, ohne jegliche Erläuterung; das wiederum ist schwierig zu durchschauen. Nach und nach stoßen wir auf zahlreiche Einsatztrupps in grün-weiß. Das Sondereinsatzkommando „Kampfmittelbeseitigung“ ist offenbar den gesamten Wald zu durchkämmen. Die armen Rehe; dabei weißt doch alle 100 Meter ein Schild mit dem Adler darauf hin, dass es sich um Naturschutzgebiet handelt. Wo sollen denn die Tiere hinflüchten. Kurz denke ich darüber nach, ob denn intendiert sein könnte dass ein Reh oder Kaninchen auf eine Bombe stößt.

 

Vom Abweichen von der Norm

Bevor ich diese Stadt ohne erkennbaren Charakter (oder Marktplatz) verlasse, trinke ich noch einen Kaffee. Die Cafés sind alle grundlos geschlossen; Touristen gibt es hier sowieso nicht, an Sonntagen eigentlich grundsätzlich keine Menschen. Eins aber fällt auf: ein Kiosk reiht sich an den anderen bzw. handelt es sich dabei eher um Mini-Tabakläden. Von außen geben sich die meist türkischen Betreiber nicht sehr viel Mühe in Sachen einmalige Dekoration des Schaufensters. Meist heißen sie einfach „Kiosk“, „Bahnhofskiosk“ oder, wie in dem Fall, „Özgüll`s Reich“. Nun, und da dieser mit der Namensgebung seines Ladens derart auffällt, trinke ich bei Özgüll einen Kaffee.

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„Hallo! Ich hätte gernen einen Kaffee, groß bitte!“

„Kein Problem! Nimm `nen Mars dazu und du bezahlst für ihn nur die Hälfte!“

„Hast du auch einen Snickers und einen Apfel?“

„Äpfel trinke ich nur. Würd keiner kaufen hier.“

„Klar, ich mag die eigentlich auch nicht. Was ist ein Apfel gegen eine saftige Papaya?“

„Genau!“

„Sag mal, wegen deines Schaufensters: Warum habt ihr alle den gleichen LED-Lauftext: COFFEE TO GO? Sollte man nicht mal variieren damit den Leuten das auffällt? Ich meine, ihr verkauft ja auch alle das gleiche Zeug.“

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Man macht ja das was der andere macht. Als ich von Türkei hergekommen bin, wusste ich nicht wie man ein Geschäft eröffnet, wie es aussehen soll. Bei uns ist das ja alles ganz anders.“

„Und daher machst du das was jemand macht der schon da ist, ok, verstehe. Sag mal, kann ich dich um einen Gefallen bitten? Ich würde gerne folgenden Spruch im Lauftext lesen: COFFEE, GO HOME! Könntest du das programmieren, vielleicht auch nur für eine Stunde?“

„Was? Du bist ein verrückter Mensch.“ (lacht laut drauf los)

„Klar kann ich das machen. Warte mal: vielleicht lachen die Leute auch so wie ich, ey das ist gut! Dann kommen sie zu mir rein, fragen was das soll und trinken einen Kaffee oder kaufen Zigaretten. Genial!“

„War nur eine Idee, ich jedenfalls würde nachfragen wenn ich vorbeilaufen würde.“

„Mach ich sofort!“

 

Zehn Minuten später lesen vorbeilaufende und potentielle Kunden COFFEE GO GOME. Leider hat Özgüll die Schrift mit Sternchen animiert und blinkend programmiert. Ich selbst hätte fast eine diskretere Darstellung bevorzugt, aber nun ja. Den Snickers bekomme ich von Özgüll kostenlos, ich solle aber noch ein Foto von ihm machen. Wir verabschieden uns und ich freue mich ein wenig mehr an diesem Tag.

 

 

 

Trotzdem

DSC03051Nun bin ich wirklich ein Wandersmann geworden, die Distanz zwischen meiner Person und der Rolle des Wanderers existiert kaum noch. Anfangs war ich noch verwundert wenn mich die Leute so entgeistert ansahen, abwägend zwischen Handwerker auf der Walz, Landstreicher und Wahnsinnigem. Es hängt sicher mit der fehlenden Anonymität zusammen. Der menschliche Umgang den Emerson so positiv beschreibt ist eine Notwendigkeit. In der dörflichen Gemeinschaft werden den Menschen viel bestimmtere Rollen zugewiesen. Ein Ausbruch aus dem Radius der Lebens-und Arbeitsbereiche ist nur durch den Fortzug möglich. Die soziale Kontrolle welche so entsteht vereinfacht vieles, kann unter Umständen aber auch als Überwachung empfunden werden.

Das Laufen ist eine Randerscheinung, mir ist nur der äußerste Rand der Straße gewährt. Ausgenommen sind die wenigen Feld und Wanderwege, die noch zu finden sind. Man kann den sozialen Status eines Menschen an seiner Schrittgeschwindigkeit erkennen, habe ich irgendwo mal gelesen.

Auf dem Land scheint alles horizontal zu verlaufen; die Menschen nehmen hier viel Platz ein und es entstehen Lücken und Leerstellen. In der Stadt hingegen wird der Lebensraum zusammengestaucht, verlagert sich ins Vertikale. Die sozialen Unterschiede werden sichtbar. Der Philosoph Paul Virilio bezeichnete den Wolkenkratzer einst als Sackgasse.

Je länger ich nun laufe wird mir bewusst, dass sich viele Fragen die ich mit auf die Reise nahm keineswegs beantwortet sind, sich eher noch verkompliziert haben. Doch finde ich es erstaunlich dass ich jeden Tag ein Ziel vor Augen habe. Im Bewusstsein einen Film zu drehen bin ich immer wachsam. Der wirkliche Frieden am Ende des Tages kehrt ein mit dem Gefühl etwas Relevantes aufgenommen zu haben. Bei Thomas Mann heißt es an einer Stelle in „Der Tod in Venedig“, das alles Große als ein Trotzdem dastehe. Womöglich leisten wir nichts Großes, aber wir filmen, schreiben und denken tagtäglich,trotz der Last des Rucksacks, trotz Schmerzen an den Füßen oder im Rücken, trotz des langen Weges, trotz des schlechten Budgets und trotz der ständigen Zweifel.