Luftlinien

In dem beschaulichen Ort Bad Gandersheim fällt mir ein Plakat für eine Veranstaltung auf dem hiesigen Flughafen ins Auge. Ungläubig befrage ich mein Telefon und stelle fest, dass es nur ein kleinen Umweg bedeutet diesen zu besichtigen. Nach einem längeren Anstieg stehe ich schließlich am Rand einer kleinen Landebahn nebst einem Miniatur-Kontrollturm. Im unteren Bereich des Turms befindet sich ein einladendes Lokal. Schnell komme ich mit der sympathischen Betreiberin Sylia und ihren Mann ins Gespräch, die mir großzügig die Dachterrasse anbieten und mich sogar zum Essen einladen. Gastfreundschaft wird hier großgeschrieben. Die Sonne steht hoch und es liegt eine angenehme Ruhe über dem Platz. Vielleicht zum ersten Mal habe ich das Gefühl an einen Ort gelangt zu sein, der mich zur Ruhe kommen lässt. Morgen soll der Südniedersachsen-Cup der Segelflieger stattfinden und ich beschließe zu bleiben.

Am Nachmittag treffen die ersten Piloten ein und auch die ansässigen Flieger des SFC Bad Gandersheim lassen sich blicken. Es herrscht ein harter aber herzlicher Umgang, ich lasse mir von „Willy“ dem zweiten Vorsitzenden des Vereins die Maschinen zeigen. Sein Detailwissen scheint grenzenlos, noch auf die detailliertesten Fragen antwortet er mit absoluter Präzision. Besonders im Gedächtnis bleibt die Erkenntnis, dass der Flügel im Bezug auf Strömungswiderstand idealerweise endlos lang wäre, denn die meisten Luftwirbel bilden sich an der Spitze.

Am Abend wird der Durst mit reichlich Bier gelöscht. Ich lerne den Rest der Besatzung kennen, die meisten haben sich hier oben einen Campingwagen neben die Flughallen gestellt. Es sind auch sehr junge Piloten dabei: Erik und Benni, die Stimmung ist ausgelassen. Als Willy den Feuerkorb umwirft und Erik nur durch einen unglücklichen Rückwärtssalto entkommen kann, bei dem einige Flaschen Bier durch die Luft wirbeln und ihren Inhalt über meinem Kopf verteilen, wird es langsam Zeit schlafen zu gehen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen darf ich das Prunkstück des Vereins sehen, eine Dornier Do27 gute 60 Jahre alt. Ursprünglich war dies eine Rettungsmaschine, konstruiert von der Wehrmacht, die Liegen im hinteren Teil sind nun Sitze. Die Deutschen waren exzellente Flugzeugbauer erzählt man mir, aber durch die Kriegsschuld durfte dieser Industriezweig nicht mehr aufrecht erhalten werden. Ich filme fasziniert wie liebevoll die Männer ihre Maschine behandeln.

Nachdem das Fahrgestell aufgepumpt und justiert ist, sind wir startbereit.

Es ist eine interessante Erfahrung, alles ist schlicht und einfach gehalten, dagegen wirkt ein heutiges Automobil wie ein Raumschiff. Im Fall des Absturzes nützt natürlich kein kein Airbag mehr etwas.

Die Maschine zieht schnell nach oben, braucht nur ein kleines Stück der Startbahn. Für ihre Größe liegt sie erstaunlich ruhig in der Luft. Unter mir sehe ich wie sich Straßen, Felder und Häuser in Flächen verwandeln. Die Wege scheinen Linien zu sein die man nur mit dem Finger nachziehen muss. Mehrfach hatte ich mir vorgestellt schneller voran zu kommen. Ich war zwei Wochen nur zu Fuß unterwegs. Dieses plötzliche Abheben, über den Dingen zu stehen, die Perspektive zu ändern kommt einem Rauschzustand nahe.

Drei mal starten und landen wir, danach ist der kurze Traum vorbei.

Das Wetter ist zum Segeln zu schlecht, der Wettkampf kommt nicht recht in Fahrt. Ich filme einige Test Starts und Landungen, dann wird es Zeit weiter zu ziehen. Selten fiel ein Abschied schwerer auf dieser Reise.

Ich laufe nun auf der Straße die ich aus der Luft gesehen habe. Ich beschleunige die Schritte. Hinter meinem Kopf ziehen die Gedanken kleine Wirbel im aufkommenden Wind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.