Pauli

Die Nacht war eine Zumutung. Eine anstehende Erkältung ahnend bin ich gestern nach Holzminden gekommen und habe vergeblich nach einem bezahlbaren Zimmer gesucht. Alles ausgebucht schon seit Wochen: Pfingsten. Schon ärgere ich mich über den Lokaltourismus obwohl ich selbst dazu gehöre.

Nur auf einem Wohnmobil-Campingplatz gibt es ein kleines Rasenstück am letzten Zeltstrand. Schon sehne ich mich nach dem Wald, aber eine Dusche hat heute Vorrang. Nachts kommt das Fieber, erst schwitze ich erbärmlich; die Zeltwände sind klitschnass. Dann kommen die Kälteattacken. Erst am frühen morgen finde ich etwas Schlaf. Dann setzt der Regen ein.

Erschöpft baue ich das Zelt ab und überlege ein Stück Zug zu fahren, doch ein innerer Trotz regt sich. Lieber laufen, es wird schon irgendwie gehen. Nach drei Kilometern spüre ich bereits die Anstrengung, heute ist kein Tag zum Vorwärtskommen. Ich kehre um Richtung Bahnhof und komme dabei an einer Tankstelle vorbei. Ein Typ mit Rucksack und Isomatte winkt mich heran und kommt direkt auf mich zu: „Ey mann! auch n Berber? Wo willste hin? Ich bin Ralf oder Pauli, schon seit 26 Jahren unterwegs…“ Ich erkläre ihm dass ich das für ein Projekt tue, aber ich bin für ihn ganz klar auch Landstreicher. Wir gehen ein Stück gemeinsam in Richtung Bahnhof. Er spricht pausenlos, wiederholt sich dabei manchmal, wirkt aber sonst klar im Kopf.

Geh bloß nie nach Holland, da haben sie mir das Bein gebrochen. So ne Gruppe Halbwahnsinniger, so nenn ich die Jungendlichen, verstehste? Mein Bein auf die Bordsteinkante gelegt und dann ist einer drauf gesprungen. Ich bin dann noch zehn Kilometer bis über die Grenze nach Deutschland gelaufen, mit nem offenen Bruch. Da haben die mich zusammengeflickt und das Bein gerettet, Gott sei dank… Aber nun humple ich und bin nicht mehr so schnell.“

Mittlerweile sind wir am Bahnhof angelangt und sitzen in einer leeren Bushaltestelle. Er kommt ursprünglich aus Lutterstadt-Wittenberg und war schon mehrfach im Gefängnis. Zuerst bei der Staatssicherheit der DDR nach einer Demonstration und Solidaritätsbekundung für Nelson Mandela. Als der Richter bei der Verlesung des Urteils sagte: „Sie sind eine Distel in unserem sozialistischen Rosenstaat!“ antwortete er: „Und sie sind der Ochse der sie abfrisst!“ Für diese Frechheit wurde die Strafe ein halbes Jahr verlängert. Zuletzt saß er vier Monate wegen Schwarzfahren im Zug.

Ich frage wie er zum Berber wurde und er erzählt, wie er nach dem die Gefängnisstrafe abgesessen war einen Ausreiseantrag stellte und diesen Ende der 80er auch bewilligt bekam. Er ging anschließend nach Hamburg, schlug sich als Hafenarbeiter durch und heiratete. Wenig später wurden seine beiden Töchter geboren. Eines Tages hatte er früher Schichtende und erwischte seine Frau mit seinem besten Freund im Schlafzimmer. Im folgenden Scheidungsverfahren verlor das Sorgerecht und musste eine hohe Abfindung zahlen. Völlig mittellos und allein, fand er sich auf der Straße wieder. Seit dem ist er unterwegs, ohne festen Wohnsitz, vogelfrei. Seine Töchter hat er nie wieder gesehen, der Datenschutz verweigert sämtliche Auskünfte.

Es ist kalt geworden, ich schlage vor in die Bahnhofskneipe zu gehen. Wir sind die einzigen Gäste, ein sympathisch aussehender Grieche leitet das kleine Lokal. Wir trinken Bier und Ralf fährt fort ohne Unterlass zu sprechen. Es sind zu viele Geschichten, ich kann sie kaum alle behalten. Plötzlich sieht er mir fest in die Augen und meint:

Egal was geschieht, ich komm sicher nicht in die Hölle.“ In Hamburg kam er nach der Scheidung schnell in Kontakt mit dem Prostitutionsbusiness auf der Reeperbahn. Vom Betteln auf der Straße kannte er die Mädchen und als eines mit blau geschlagenem Gesicht zum Anschaffen erschien, packte er sie am Arm und sie rannten bis zum nächsten Bahnhof.

Die sah schlimm aus, verstehste? Völlig geschändet. Da sind vier kerle drübergestiegen. Da hab ich die Hacken von ihren Schuhen abgebrochen und wir sind gerannt was das Zeug hält. Hab sie noch in den Zug gesteckt, die hat gezittert sag ich dir…. Aber sie ist jetzt weit weg, hat geheiratet und alles ist gut.“

Die Stimme versagt ihm, wir sitzen eine Weile schweigend und sehen eine Dokumentation über deutsche Auswanderer in Australien. Es ist spät geworden, ich muss weiter. Zum Abschluss drückt er mir fest die Hand: „Denk dran man sieht sich immer zweimal im Leben. Alte Berberweisheit.“

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