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„Es gibt heute, anders als zu Zeiten Gauguins oder Victor Segalens, Städte und Landschaften, die sind überhaupt nicht mehr erlebbar. Man eilt lediglich an ihnen vorbei.“

13.05.2015 04

Die Innenbilder des Erlebten werden immer lebhafter; lediglich die Sättigung erfährt einen Rückgang. Ist die Reise wirklich zuende? Um 5 Uhr morgens stehe ich auf und setze meine Schreibroutine der letzten Wochen fort:

Ich denke nach über die Verwendbarkeit von literarischen Texten und Reiseberichten in einem Film. Das literarische Erfassen erfolgt nie auf die Weise, wie man die Welt erlebt hat.

Via Reisebericht oder Brief, teile ich Erlebtes mit: wie ich die Menschen, Städte und Landschaften gesehen habe, wie es mir gefallen hat, wo ich Glück und wo ich Pech gehabt habe, wo es spannend oder langweilig war. Ich mische Alltägliches und Sensationelles, das Gewöhnliche und das Abenteuer, und ich vergleiche: ich beziehe das Neue auf früher Erfahrenes und eventuell auf gemeinsam Erfahrenes. Der, den ich anschreibe, ist mein Fixpunkt, ein Fokus, um den herum ich meine Beschreibung anordne; was ich von ihm weiß, fixiert ein Koordinatensystem, in dem ich mich ausbreite, in dem ich Sätze baue, die ganz wesentlich durch das Wort „wie“ bestimmt sind. Ich setze voraus dass mich der Andere schon versteht. Ich setze bei ihm ähnliche Assoziationen voraus und halte mich nicht damit auf, meine apokryphen Vergleiche näher zu bestimmen.

Diese Textform vermittelt Impressionen, die nicht hin- und herbewegt und nicht immer noch einmal überprüft werden. Im Gegensatz zu literarischen Impressionen, ist ihr Assoziationsprinzip anspruchsloser und unausgearbeiteter, die Anordnung mehr chronologisch, in der Folge des Erlebten: Das Strukturierungsprinzip ist einfacher, im Konkreten verbleibend. Dagegen beginnt das literarische Schreiben da, wo sich das Erlebte bereits strukturiert hat. Man sucht das Allgemeine, die Ebene, auf der der augenblickliche Eindruck, die in vielem zufällige und an der Oberfläche verbleibende Erfahrung auch für den erkennbar wird, der die andere Welt nicht kennt. Man muss die Welt auf dem Papier neu erschaffen, die Häuser und Landschaften neu bauen, die Gesichtszüge und Gesten neu zeichnen. Man wird zum Maler, Architekten, Ingenieur, Konstrukteur. An diesem Morgen mag ich diese Vorstellung sehr.

 

 

 

 

 

 

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