Pauli

Die Nacht war eine Zumutung. Eine anstehende Erkältung ahnend bin ich gestern nach Holzminden gekommen und habe vergeblich nach einem bezahlbaren Zimmer gesucht. Alles ausgebucht schon seit Wochen: Pfingsten. Schon ärgere ich mich über den Lokaltourismus obwohl ich selbst dazu gehöre.

Nur auf einem Wohnmobil-Campingplatz gibt es ein kleines Rasenstück am letzten Zeltstrand. Schon sehne ich mich nach dem Wald, aber eine Dusche hat heute Vorrang. Nachts kommt das Fieber, erst schwitze ich erbärmlich; die Zeltwände sind klitschnass. Dann kommen die Kälteattacken. Erst am frühen morgen finde ich etwas Schlaf. Dann setzt der Regen ein.

Erschöpft baue ich das Zelt ab und überlege ein Stück Zug zu fahren, doch ein innerer Trotz regt sich. Lieber laufen, es wird schon irgendwie gehen. Nach drei Kilometern spüre ich bereits die Anstrengung, heute ist kein Tag zum Vorwärtskommen. Ich kehre um Richtung Bahnhof und komme dabei an einer Tankstelle vorbei. Ein Typ mit Rucksack und Isomatte winkt mich heran und kommt direkt auf mich zu: „Ey mann! auch n Berber? Wo willste hin? Ich bin Ralf oder Pauli, schon seit 26 Jahren unterwegs…“ Ich erkläre ihm dass ich das für ein Projekt tue, aber ich bin für ihn ganz klar auch Landstreicher. Wir gehen ein Stück gemeinsam in Richtung Bahnhof. Er spricht pausenlos, wiederholt sich dabei manchmal, wirkt aber sonst klar im Kopf.

Geh bloß nie nach Holland, da haben sie mir das Bein gebrochen. So ne Gruppe Halbwahnsinniger, so nenn ich die Jungendlichen, verstehste? Mein Bein auf die Bordsteinkante gelegt und dann ist einer drauf gesprungen. Ich bin dann noch zehn Kilometer bis über die Grenze nach Deutschland gelaufen, mit nem offenen Bruch. Da haben die mich zusammengeflickt und das Bein gerettet, Gott sei dank… Aber nun humple ich und bin nicht mehr so schnell.“

Mittlerweile sind wir am Bahnhof angelangt und sitzen in einer leeren Bushaltestelle. Er kommt ursprünglich aus Lutterstadt-Wittenberg und war schon mehrfach im Gefängnis. Zuerst bei der Staatssicherheit der DDR nach einer Demonstration und Solidaritätsbekundung für Nelson Mandela. Als der Richter bei der Verlesung des Urteils sagte: „Sie sind eine Distel in unserem sozialistischen Rosenstaat!“ antwortete er: „Und sie sind der Ochse der sie abfrisst!“ Für diese Frechheit wurde die Strafe ein halbes Jahr verlängert. Zuletzt saß er vier Monate wegen Schwarzfahren im Zug.

Ich frage wie er zum Berber wurde und er erzählt, wie er nach dem die Gefängnisstrafe abgesessen war einen Ausreiseantrag stellte und diesen Ende der 80er auch bewilligt bekam. Er ging anschließend nach Hamburg, schlug sich als Hafenarbeiter durch und heiratete. Wenig später wurden seine beiden Töchter geboren. Eines Tages hatte er früher Schichtende und erwischte seine Frau mit seinem besten Freund im Schlafzimmer. Im folgenden Scheidungsverfahren verlor das Sorgerecht und musste eine hohe Abfindung zahlen. Völlig mittellos und allein, fand er sich auf der Straße wieder. Seit dem ist er unterwegs, ohne festen Wohnsitz, vogelfrei. Seine Töchter hat er nie wieder gesehen, der Datenschutz verweigert sämtliche Auskünfte.

Es ist kalt geworden, ich schlage vor in die Bahnhofskneipe zu gehen. Wir sind die einzigen Gäste, ein sympathisch aussehender Grieche leitet das kleine Lokal. Wir trinken Bier und Ralf fährt fort ohne Unterlass zu sprechen. Es sind zu viele Geschichten, ich kann sie kaum alle behalten. Plötzlich sieht er mir fest in die Augen und meint:

Egal was geschieht, ich komm sicher nicht in die Hölle.“ In Hamburg kam er nach der Scheidung schnell in Kontakt mit dem Prostitutionsbusiness auf der Reeperbahn. Vom Betteln auf der Straße kannte er die Mädchen und als eines mit blau geschlagenem Gesicht zum Anschaffen erschien, packte er sie am Arm und sie rannten bis zum nächsten Bahnhof.

Die sah schlimm aus, verstehste? Völlig geschändet. Da sind vier kerle drübergestiegen. Da hab ich die Hacken von ihren Schuhen abgebrochen und wir sind gerannt was das Zeug hält. Hab sie noch in den Zug gesteckt, die hat gezittert sag ich dir…. Aber sie ist jetzt weit weg, hat geheiratet und alles ist gut.“

Die Stimme versagt ihm, wir sitzen eine Weile schweigend und sehen eine Dokumentation über deutsche Auswanderer in Australien. Es ist spät geworden, ich muss weiter. Zum Abschluss drückt er mir fest die Hand: „Denk dran man sieht sich immer zweimal im Leben. Alte Berberweisheit.“

Luftlinien

In dem beschaulichen Ort Bad Gandersheim fällt mir ein Plakat für eine Veranstaltung auf dem hiesigen Flughafen ins Auge. Ungläubig befrage ich mein Telefon und stelle fest, dass es nur ein kleinen Umweg bedeutet diesen zu besichtigen. Nach einem längeren Anstieg stehe ich schließlich am Rand einer kleinen Landebahn nebst einem Miniatur-Kontrollturm. Im unteren Bereich des Turms befindet sich ein einladendes Lokal. Schnell komme ich mit der sympathischen Betreiberin Sylia und ihren Mann ins Gespräch, die mir großzügig die Dachterrasse anbieten und mich sogar zum Essen einladen. Gastfreundschaft wird hier großgeschrieben. Die Sonne steht hoch und es liegt eine angenehme Ruhe über dem Platz. Vielleicht zum ersten Mal habe ich das Gefühl an einen Ort gelangt zu sein, der mich zur Ruhe kommen lässt. Morgen soll der Südniedersachsen-Cup der Segelflieger stattfinden und ich beschließe zu bleiben.

Am Nachmittag treffen die ersten Piloten ein und auch die ansässigen Flieger des SFC Bad Gandersheim lassen sich blicken. Es herrscht ein harter aber herzlicher Umgang, ich lasse mir von „Willy“ dem zweiten Vorsitzenden des Vereins die Maschinen zeigen. Sein Detailwissen scheint grenzenlos, noch auf die detailliertesten Fragen antwortet er mit absoluter Präzision. Besonders im Gedächtnis bleibt die Erkenntnis, dass der Flügel im Bezug auf Strömungswiderstand idealerweise endlos lang wäre, denn die meisten Luftwirbel bilden sich an der Spitze.

Am Abend wird der Durst mit reichlich Bier gelöscht. Ich lerne den Rest der Besatzung kennen, die meisten haben sich hier oben einen Campingwagen neben die Flughallen gestellt. Es sind auch sehr junge Piloten dabei: Erik und Benni, die Stimmung ist ausgelassen. Als Willy den Feuerkorb umwirft und Erik nur durch einen unglücklichen Rückwärtssalto entkommen kann, bei dem einige Flaschen Bier durch die Luft wirbeln und ihren Inhalt über meinem Kopf verteilen, wird es langsam Zeit schlafen zu gehen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen darf ich das Prunkstück des Vereins sehen, eine Dornier Do27 gute 60 Jahre alt. Ursprünglich war dies eine Rettungsmaschine, konstruiert von der Wehrmacht, die Liegen im hinteren Teil sind nun Sitze. Die Deutschen waren exzellente Flugzeugbauer erzählt man mir, aber durch die Kriegsschuld durfte dieser Industriezweig nicht mehr aufrecht erhalten werden. Ich filme fasziniert wie liebevoll die Männer ihre Maschine behandeln.

Nachdem das Fahrgestell aufgepumpt und justiert ist, sind wir startbereit.

Es ist eine interessante Erfahrung, alles ist schlicht und einfach gehalten, dagegen wirkt ein heutiges Automobil wie ein Raumschiff. Im Fall des Absturzes nützt natürlich kein kein Airbag mehr etwas.

Die Maschine zieht schnell nach oben, braucht nur ein kleines Stück der Startbahn. Für ihre Größe liegt sie erstaunlich ruhig in der Luft. Unter mir sehe ich wie sich Straßen, Felder und Häuser in Flächen verwandeln. Die Wege scheinen Linien zu sein die man nur mit dem Finger nachziehen muss. Mehrfach hatte ich mir vorgestellt schneller voran zu kommen. Ich war zwei Wochen nur zu Fuß unterwegs. Dieses plötzliche Abheben, über den Dingen zu stehen, die Perspektive zu ändern kommt einem Rauschzustand nahe.

Drei mal starten und landen wir, danach ist der kurze Traum vorbei.

Das Wetter ist zum Segeln zu schlecht, der Wettkampf kommt nicht recht in Fahrt. Ich filme einige Test Starts und Landungen, dann wird es Zeit weiter zu ziehen. Selten fiel ein Abschied schwerer auf dieser Reise.

Ich laufe nun auf der Straße die ich aus der Luft gesehen habe. Ich beschleunige die Schritte. Hinter meinem Kopf ziehen die Gedanken kleine Wirbel im aufkommenden Wind.

Trotzdem

DSC03051Nun bin ich wirklich ein Wandersmann geworden, die Distanz zwischen meiner Person und der Rolle des Wanderers existiert kaum noch. Anfangs war ich noch verwundert wenn mich die Leute so entgeistert ansahen, abwägend zwischen Handwerker auf der Walz, Landstreicher und Wahnsinnigem. Es hängt sicher mit der fehlenden Anonymität zusammen. Der menschliche Umgang den Emerson so positiv beschreibt ist eine Notwendigkeit. In der dörflichen Gemeinschaft werden den Menschen viel bestimmtere Rollen zugewiesen. Ein Ausbruch aus dem Radius der Lebens-und Arbeitsbereiche ist nur durch den Fortzug möglich. Die soziale Kontrolle welche so entsteht vereinfacht vieles, kann unter Umständen aber auch als Überwachung empfunden werden.

Das Laufen ist eine Randerscheinung, mir ist nur der äußerste Rand der Straße gewährt. Ausgenommen sind die wenigen Feld und Wanderwege, die noch zu finden sind. Man kann den sozialen Status eines Menschen an seiner Schrittgeschwindigkeit erkennen, habe ich irgendwo mal gelesen.

Auf dem Land scheint alles horizontal zu verlaufen; die Menschen nehmen hier viel Platz ein und es entstehen Lücken und Leerstellen. In der Stadt hingegen wird der Lebensraum zusammengestaucht, verlagert sich ins Vertikale. Die sozialen Unterschiede werden sichtbar. Der Philosoph Paul Virilio bezeichnete den Wolkenkratzer einst als Sackgasse.

Je länger ich nun laufe wird mir bewusst, dass sich viele Fragen die ich mit auf die Reise nahm keineswegs beantwortet sind, sich eher noch verkompliziert haben. Doch finde ich es erstaunlich dass ich jeden Tag ein Ziel vor Augen habe. Im Bewusstsein einen Film zu drehen bin ich immer wachsam. Der wirkliche Frieden am Ende des Tages kehrt ein mit dem Gefühl etwas Relevantes aufgenommen zu haben. Bei Thomas Mann heißt es an einer Stelle in „Der Tod in Venedig“, das alles Große als ein Trotzdem dastehe. Womöglich leisten wir nichts Großes, aber wir filmen, schreiben und denken tagtäglich,trotz der Last des Rucksacks, trotz Schmerzen an den Füßen oder im Rücken, trotz des langen Weges, trotz des schlechten Budgets und trotz der ständigen Zweifel.

Die nächste Film(r)evolution

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In einem der letzten Interviews wurde Harun Farocki gefragt was er einem angehenden jungen Filmemacher mit auf den Weg geben würde. Er meinte das es heute wohl nicht mehr genüge sich einfach mit einer Kamera hinzustellen und die Welt abzubilden, das sei anachronistisch und dürfe nicht an die Hoffnung geknüpft sein etwas neues darzustellen.

So frage ich mich was ich eigentlich tue. Bin ich nicht Dziga Vertovs Mann mit der Kamera? Nur in der Provinz und nicht annähernd so virtuos? Meine Betrachtung der Dinge die ich vorfinde ist sicher nicht neu, bestenfalls eigen. Und doch habe ich tagtäglich das Gefühl etwas sinnvolles zu tun. Das Laufen, das Denken und das Filmen müssen beständig in ein produktives Verhältnis gesetzt werden. So vergehen auch ereignislose Tage in denen ich wenig Bilder dafür interessante Ideen sammle. Der Zeitverlauf hat seine eigene Dramaturgie, man muss sich lösen von dem Druck etwas zu verpassen oder zu übersehen. Dieses sich treiben lassen und aus dem alltäglichen Rhythmus auszubrechen hat etwas befreiendes. Farockis Anspruch an zeitgemäßem Filmemachen ist damit sicher nicht genüge getan, dennoch stellen sich grundlegende Fragen die es zu beantworten, wenigstens zu untersuchen gilt. Vielleicht geht es ja auch darum eine gewisse Art von Filmen weiterzutragen. Dieser konservative Gedanke mag erschrecken, doch ist er längst teil kultureller Traditionen wie zum Beispiel in der Musik. Wie viele Musiker komponieren schon eigene Stücke? „Die nächste Filmrevolution kommt vor der sozialen Revolution“, sagt Harun Farocki abschließend im Interview. Doch brauchen wir wirklich eine Revolution? Ist es noch zeitgemäß alles auf den Kopf zu stellen? Oder sollte man lieber eine Evolution vorantreiben, sich besinnen, innehalten.

Vielleicht sind wir drei ja Handwerker des Films, auf Wanderschaft aufgebrochen nach unserer Ausbildung um Erfahrung zu sammeln und die Werkzeuge besser beherrschen zu können. Das Handwerk des Sehens, Hörens, Schreibens und Denkens zu schulen?

Fußnoten Kamera 2

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Nach dem nun bereits über Hälfte der Strecke hinter mir liegt, beginne ich das gedrehte und noch zu drehende Material bereits in Kategorien einzuordnen. Die vagen Vorstellungen und Ideen vor Beginn der Reise haben sich verflüchtigt, verändert oder wurden verworfen.

Zunächst muss ich feststellen dass ich bis auf wenige Ausnahmen genauso gearbeitet habe, wie gewöhnlich. Mein Blick hat sich durch den fehlenden Ton, kaum verändert. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass ich in erster Linie Fotograf bin und den Ton naturgemäß vergesse oder vernachlässige. Andererseits so wird mir bewusst, wäre es mir gar nicht möglich auch noch guten Ton mitzuschneiden, ganz abgesehen vom zusätzlichen Gewicht. Zudem scheint ein Film wie Sans Soilel

Grund zu geben, das Ton sehr gut extern und nachträglich einfließen kann.

Wesentlich größer auf mein Bildkonzept ist jedoch das Wissen, das es Bilder zu finden gilt, die für DREI Wege sprechen und nicht nur meine Erfahrung wiedergeben. So filmte ich heute Berge, auch wenn die Landschaft hier flach ist….

Mir wird zunehmend klar das ich der einzige bin der tatsächlich diesen Marsch auf sich nehmen müsste, Sowohl Ton als auch Text könnten sehr gut auch ohne Fußreise entstehen. Doch dann wäre der Film ein anderer.

Zum Bild:

Begegnungen:

  • ein sprechender Rabe mit seinen Besitzern
  • ein Saufgelage bei einem Schützenfest
  • Reptilienaugen auf einer Schlangenfarm
  • Spaziergang mit meinem Großvater
  • verlassene Fabrikanlagen/Geisterstadt
  • Mittelpunkt der DDR
  • Grenzdenkmal innerdeutsche Grenze Höthensleben

Regelmäßig:

  • Katzen am Fenster, Hunde am Zaun, Zäune, Hecken
  • Schlafplatz
  • Ortseingangschilder fragmenthaft (Als Ortsindex)
  • Filmausschnitte von Farocki auf verschiedenen Screens an wechselnden Orten
  • Dinge die Farocki gefallen hätten: Tafeln, Modelle, Erklärungen
  • Windräder
  • Beobachtungen verschiedener Geschwindigkeiten der Fortbewegung
  • Wege die vor mir liegen
  • Begriffe/Objekte die mit dem Sehen und technischen Sehen zu tun haben: Kameras, Schilder, Rahmen etc.
  • abgefilmte Kameradisplays, ich selbst bei der Aufnahme
  • Landschaften

Sonstiges:

  • Infrarotaufnahmen Wald, Schaufenster, Straße

Was ich (ver)suche:

  • Begegnungen, Nachtaufnahmen
  • Gesten
  • eine fiktive Stummfilmszene drehen
  • weitere Pressetermine zu vereinbaren. Es hat gestern sehr gut funktioniert, Idealerweise finde ich noch einen Fernsehbeitrag, Emerson ein Radio und Nico eine Lokalzeitung
  • Bilder für verschiedene Kulturen/Nationalitäten
  • Taub filmen

Zum Ton:

Ich habe viel über die Asynchronität nachdenken müssen. Ich werde beginnen vor den Aufnahmen (vom Stativ) Klappen mit der Hand zu schlagen. Im Ton könnte das gleiche stattfinden, es wäre schon allein für die Ordnung des Materials sinnvoll. Ich habe mir zudem Karteikarten besorgt auf die beispielsweise Regieanweisungen, Kommentare oder Zwischentitel notiert werden könnten um anschließend abgefilmt zu werden. Je näher wir uns kommen desto größere Schnittmengen könnten entstehen.

Ich beginne mir über das Ende Gedanken zu machen. Es sollten zumindest der Varianten entstehen. Wie würde der Ton das Ende erzählen? Wie das Bild? Wie der Text? Wie hätten Farocki, Liechti, Marker den Film beendet? Und wie Matauschek, Culurgioni und Rossi?

Szenen 1

Konzept:

Ich kann mich lange nicht entscheiden zwischen City-Pizza und Bistro Gabar, drehe noch eine Runde durch den Ort und betrete schließlich den Laden in dem ein paar mehr Gäste sitzen. Nach dem ich bestellt und Platz genommen habe, wandert mein Blick durch das Lokal und bleibt auf dem Flachbildschirm in der Ecke hängen. Auf NTV läuft eine Sendung über den Untergang des römischen Reiches. Genaueres kann ich nicht erfahren, der Fernseher ist auf lautlos gestellt. In der Nachrichtenzeile werden die aktuellen Wirtschaftsnachrichten eingeblendet, während im Radio der Wetterbericht läuft. Schlagartig wird mir bewusst, das ich hier soeben die konzeptuelle Trennung von Ton, Text und Bild erlebe, die wir für unseren Film konzipiert haben.

Gerade als ich meine Aufmerksamkeit auf diese Entdeckung richte und versuche hierzu Gedanken zu formulieren, wechselt die Bedienung den Kanal und stellt den Ton wieder an. Es läuft Mario Barth deckt auf. Ich habe die Sendung noch nie gesehen, aber es bleibt wohl keine Wahl. In einer humoristischen Reportage, werden Beschäftigungsstrategien des Jobcenters für Langzeitarbeitslose vorgestellt. Die 6000 Schritte-Methode erregt meine Aufmerksamkeit. Wenn der Arbeitssuchende sich regelmäßig bereit erklärt täglich 6000 Schritte zu gehen, fällt er offiziell aus der Quote heraus.

Mutprobe

Mein Navigationssystem versagt, es gibt an dieser Stelle keine Brücke über den Bach nur eine flache Stelle zur Durchfahrt für Landwirtschaftsfahrzeuge. Das Wasser scheint knietief zu sein. Ich laufe noch ein Stück stromabwärts um eine bessere Stelle zu finden. Dabei scheuche ich ein Reh mit seinem Neugeborenen auf. Die Mutter flüchtet während das kleine zutraulich auf mich zu kommt. Es kann sich kaum auf den Beinen halten. Ich filme es etwas ratlos. Irgendwo in habe ich gelesen dass man die Jungtiere nicht anfassen sollte. Der fremde Geruch lässt die Tiere manchmal ihren Nachwuchs verstoßen.

Es führt kein Weg zurück ich muss durch das eiskalte Wasser. Die Steine sehen glitschig aus und die Strömung ist ausreichend stark. Ich verpacke die gesamte Technik wasserdicht. Nun passt der Schlafsack nicht mehr ins Gepäck, ich werde ihn einfach ans andere Ufer werfen.

Der Versuch war zum Scheitern verurteilt: Ein schlechter Wurf und eine plötzliche Windböe lassen ihn direkt ins Wasser klatschen. Nun muss ich schnell handeln damit er nicht davon treibt. Die Rettung gelingt doch die Hose ist komplett durchnässt. Zu allem Überfluss muss ich nun noch zweimal durch das eisige Wasser. Eine innere Stimme appelliert an die Männlichkeit.

Wenig später ist alles Gepäck auf der anderen Seite, ich fühle mich wie ein Held. Als ich nochmal das Telefon zur weiteren Strecke befrage, fällt mir eine Brücke ins Auge nur einen Kilometer südlich! Ich kann kaum fassen dass ich diese nicht vorher bemerkt hatte. Mir dämmert das meine Abenteuerlust die Wahrnehmung trübte. Wann hat der Industriemensch schon mal solch ein Hindernis zu bewältigen?

Blicke

Ich besuche das Nordharzer Schlangenparadies. Ich bin der letzte Besucher, vermutlich auch der einzige am heutigen Tag. Jedenfalls scheint die Frau an der Kasse sehr erstaunt einen Menschen vor sich zu haben. Sie will mich auch erst nicht hineinlassen, obwohl offiziell noch eine Stunde geöffnet ist. Als ich ihr von meiner Wanderung erzähle, hat sie Mitleid und lässt mich herein, sogar zum halben Preis. Der Ort ist trostlos und heruntergekommen, aber hat auch einen gewissen Charme. Es ist etwas unheimlich wie die Tiere mich durch die Glasscheiben betrachten. Sogar der Kaiman taucht kurz auf und taxiert mich, den Fremden um dann wieder im dunkelbraunen Wasser zu verschwinden. Ich habe den Eindruck selbst das Objekt der Betrachtung zu sein und nicht umgekehrt. Behutsam nähere ich mich mit der Kamera und filme ihre Blicke.

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Ein König im Becken

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Es ist Samstag und zudem mieses Wetter. Ich durchquere das Hohe Holz. Als ich den Waldrand erreiche, höre ich wie der Wind hin und wieder Fetzen einer lauten Musik herüberträgt. Im Ort selbst informiert mich ein Schild, über das heutige Schützenfest. Der Hauptstraße folgend wird die Musik immer lauter, ich folge ihr und gelange an einem kleinen Platz auf dem ein weißes Großraumzelt, eine Schießbude und ein Kinderkarussell aufgebaut sind. Etwas unentschieden halte ich mich am Rand, da tönt es schon: „Ey was willst denn du hier? Aufs Maul?“ Vor einer Garage ist eine kleine Menschentraube versammelt mit Bier ausgestattet und winkt mich heran.

Sie sind alle etwas älter als ich und schon angeheitert oder noch verkatert. Ich erzähle mal wieder meine Geschichte, die gut ankommt und Erstaunen auslöst. Eine Mutter hat Mühe ihrem Jungen begreiflich zu machen was ich tue: „Das ist kein Penner oder Landstreicher, auch wenn er so aussieht.“ Ich schlage den Begriff Wandersmann vor, den sie dankend aufnimmt. Schnell wird klar das ich das Fest auf keinen Fall versäumen sollte und man überlegt wo ich am besten unterkommen könnte. „Wir sind hier mindestens so gastfreundlich wie die in der Türkei!“

Schließlich wird Florian, der Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr angerufen und wenig später schlage ich mein Nachtlager vor dem Tresen des Versammlungsraumes der Feuerwache auf.

Am Abend erscheint gut ein Drittel der 300 Einwohner um die diesjährigen Schützenkönige und Volksköniginnen zu ehren. Im Anschluss spielt eine Cover-Band Hits für Jung und Alt. Die Stimmung ist ausgelassen, wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Geschichte des Fremden aus Berlin, die ich noch unzählige Male an diesem Abend wiederholen muss. So verbringe ich eine lustige Zeit mit den Beckendorfern und muss zusehen, nicht zu spät ins Bett zu kommen, denn der eigentliche Höhepunkt ist der Sonntag Vormittag mit Schützenfest-Umzug und anschließendem Frühschoppen. Letztes Jahr sind die Tische zusammengebrochen, weil zu viele Leute drauf getanzt haben.

Am nächsten morgen um 8.30 geht es weiter. Man versammelt sich vor dem Zelt um anschließend durch das Dorf zu ziehen und neuen Könige und Königinnen von zuhause abholen. Dabei wird immer halt gemacht und getrunken. Es folgt eine kurze Ansprache der Auserwählten und ein dreifaches: Schuss! Schuss! Schuss!

Ich frage mich wann ich das letzte mal früh um neun ein Bier in der Hand hatte. Wieder im Zelt angekommen sind alle schon gut dabei. Es gibt ein reichliches Frühstück bestehend aus einem halben Kilo Wurst und Brötchen. Dieses soll die Grundlage liefern für die sieben Fässer Freibier die nun die Runde machen. Bis Mittags wird getrunken und zu den Marschklängen der Blaskapelle getanzt. Die Stimmung ist wirklich ausgelassen. Ob jung oder alt sind textsicher und scheinen in diesem Moment sehr verbunden. Eine richtige Gemeinschaft. Etwas abseits bemerke ich einen jungen Mann mit einem sehr fahlen fast schon grünen Gesicht. „Leberzirrhose… und das mit 29…“ wird mir unter vielsagenden Blicken ins Ohr geraunt.

Pünktlich um halb eins werden die diesjährigen Könige wieder nach hause begleitet. Wobei die Gruppe immer kleiner wird. Einige können sich kaum noch auf den Beinen halten.

Früher ging es noch bis zum Abend, aber die Leute müssen am Montag früh arbeiten. Auch für mich wird es Zeit zu gehen, ich verabschiede mich von meinen großzügigen Gastgebern und ziehe weiter zum Grenzdenkmal Höthensleben. Die frische Luft vertreibt die Kopfschmerzen, hat man mir gesagt.

 

Zögern

Ich komme in ein kleines Dorf. Da es wieder kein Geschäft zu geben scheint, frage ich direkt eine Frau die im Garten arbeitet nach Leitungswasser. Ich erzähle von meinem Vorhaben und wir kommen ins Gespräch. Ein älterer Herr schlendert in Hausschuhen und Jogginghose sichtlich neugierig aus seinem Haus. Er stellt sich als Udo vor, ich habe den Eindruck von leichter geistiger Umnachtung. Als ich weiterziehen will, bietet er mir an mich ein kleines Stück zu begleiten und schlägt vor einen kleinen Umweg über das Feld zu machen, es sei schön da. Wir laufen langsam und er erzählt mir von seinen fünf Kindern und fragt ob ich welche habe oder möchte. Es fällt mir schwer ihn akustisch zu verstehen und ich bemerke verzögert das er anfängt mir sehr intime Fragen zu stellen: Ob ich onaniere oder auf der Reise Bordelle aufsuche. Ich nehme es anfangs locker und antworte gelassen auf seine Fragen: Nein, für Bordelle sei kein Geld im Budget vorgesehen und die drei Wochen ohne Sex würde ich schon überleben.

Als wir ein kleines Waldstück erreichen wird er immer zudringlicher und fragt ob ich ihm meinen Penis zeige. Im Gegenzug dürfte ich ihn dafür nackt filmen. Er will mich überreden in den Wald zu gehen und mir „Einen runter zu holen“. Als ich ablehne und meine Heterosexualität als Vorwand anbringe, ist er tief enttäuscht: „Es tut doch nicht weh, es wäre doch nicht schlimm gewesen.“ Diesen Satz wiederholt er wie ein Mantra auf dem restlichen Weg den wir nun schweigend zum Ortsausgang gehen. Ich verabschiede mich und muss ihm versprechen das ich nicht verärgert bin.

Was mich wirklich schockierte war nicht sein Verlangen, sondern die Verzweiflung seiner Bitte. Die brutale Einsamkeit und die anhaltenden sexuellen Bedürfnisse, ließen diesen Mann seine Würde vergessen. Zudem wurde mir bewusst, dass ich einen kurzen Moment gezögert hatte, als er mir seinen Vorschlag machte. Mein eigenes Verlangen nach Bildern hatte für einen Augenblick die Imagination freigesetzt, die das Szenario vor meinem geistigen Auge ablaufen ließ. Eine voyeuristische Neugier hatte von mir Besitz ergriffen, welcher ich mir bisher noch nicht so stark bewusst war. Mit gemischten Gefühlen setze ich meinen Weg fort.

Leben

Ich muss viel über diesen Begriff nachdenken. Das ist naheliegend, da nahezu jede Ortschaft die ich passiere das Wort in sich trägt: Wackersleben, Oschersleben, Großwanzleben, Kleinwanzleben, Höthensleben, Ohrsleben, Ausleben…

Es gibt einen großartigen Film von Farocki: Leben – BRD, in welchem von der Geburt bis zum Tod verschiedenste Simulationen realer Handlungen wie Geburtshilfe, Polizeieinsätze oder Vorstellungsgespräche in der Bundesrepublik gezeigt werden. Genaugenommen wird hier eine Übergangsstufe von der Wirklichkeit in eine inszenierte Wirklichkeit vor Augen geführt. Der Film stammt aus dem Jahr 1990 und somit spielt die Virtualität als womöglich letzte Stufe dieser Verschiebung nur eine Nebenrolle. Im Zuge der Wiedervereinigung fand der Film leider nicht die Beachtung die er verdient hätte.

HF war der Auffassung das die Wirklichkeit zunehmend aus dem Bereich des Sichtbaren verschwindet und daher immer häufiger Re-inszeniert werden muss. Die Menschen unterhalten sich nicht mehr persönlich im Kaffee sondern am Mobiltelefon, da es kaum noch richtige Kaffeehäuser gibt und sie immer weniger Zeit haben. Hier kommt dem Film eine tragende Rolle zu, in dem er Bilder konstruiert und konserviert die eine Vorstellung überholter Wirklichkeiten vermitteln.

Wenn also das Leben immer unsichtbarer wird, frage ich mich was ich während der Reise überhaupt filme. Ich begegne hier zwei komplementären Wirklichkeiten. Die eine hat mit dem beschriebenen Verschwinden zu tun: Abwanderung, Wegbruch der lokalen Infrastrukturen, Automatisierung und das Verschwinden des Handwerks. Die andere ist die durch den Menschen stark beeinflusste aber nicht vollständig kontrollierbare Autonomie der Natur. Jedes Stück Brache wird zurück erobert, buchstäblich überwuchert. Zwischen Autobahnen und Landstraßen entstehen Biotope auf kleinstem Raum. Der Verwitterung der Hausfassaden kann man förmlich zusehen. Bakterien, Pilze und Moose wachsen und vermehren sich an jeder erdenklichen Stelle. Der Kreislauf der Natur ist in ständiger Bewegung, nichts ist auf Dauer angelegt. Dagegen stemmt sich der Mensch, mehr oder minder erfolgreich und begegne ich hier Individuen, welche die natürlichen Verhältnisse verstanden haben. Es ist nicht unbedingt ein Wissen das durch Reflexion und Bildung entsteht, denn den wenigsten ist es überhaupt bewusst. Es ist vielmehr eine Erkenntnis die im Körper angelegt ist und sich im Wesen widerspiegelt. Selbst wenn die Menschheit beständig an ihrem eigenen Untergang arbeitet, wird es nach ihr immer andere Lebensformen geben. Ich frage mich wie oft Harun Farocki in der Provinz war.

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