High Noon

Wo zwei Straßen sich kreuzen entsteht eine Stadt, heißt es bei Harun Farocki.

Wo sich drei Wege kreuzen entsteht ein Film, möchte man in unserem Fall meinen. 

Welcher wäre also ein geeigneter Ort für unsere Wegkreuzung und somit der Abschluss für den Film?

Ein nicht realer Ort? Eine Verneinung des Treffens? Etwa indem wir aneinander vorbei gehen? Uns gewissermaßen verpassen, verlieren, ignorieren oder uns verirren?

Bild, Text und Ton würden in dem Fall keine Synchronisation finden. Vielleicht braucht es die auch nicht.  Was braucht es dann? Was für ein Bild, was für einen Text und was für einen Ton? Reicht ein einfaches Hallo und Tschüss?

Jeder kennt das Gefühl, wenn man sich nach einer längeren Zeit mit Vorfreude auf das Wiedersehen, mit jemandem trifft. Meistens wird die Erwartung auf das Treffen nur enttäuscht; so ist es jedenfalls zumeist bei sich Liebenden. Um diesem Ur-fehler des menschlichen Miteinander entgegenzuwirken, wurde wohl das happy-end erfunden. Das, vor dem Hintergrund dass, jede Erzählung einer Reise gleicht und somit eine Entwicklung durchmacht: das Ausbrechen aus der gewohnten Umgebung, um nach dem Abenteuer, verändert wieder zurückzukehren. Meistens hat sich dann etwas geändert, entweder in der einstmaligen gewohnten Umgebung oder aber in einem selbst. Hält der Charakter dieser Entwicklung nicht Stand, braucht es ein happy-end: Protagonist und Zuschauer sind miteinander verschmolzen; der Trick mit der Identifikation ist gegelungen und alles wird wieder gut.

Mit happy-end ist nicht die Katharsis gemeint, denn die gab es schon zu Zeiten Aristoteles, als der Mensch noch in der Lage war, der Poetik verschiedener Kunstformen, seine vollste Aufmerksamkeit zu schenken. (Leider galt das nur für diejenigen gehobenen gesellschaftlichen Standes; so ist es mit der Zeit und Aufmerksamkeit für die schönen Dinge heute nicht viel anders)

Wären es ein Western, gäbe es ein shoot-out. Wer sackt das Gold am Ende ein? Der Gute, der Böse oder der Hässliche? 

Würde ich meinem bisherigen Verfahren folgen, müsste es ein Gespräch geben; womöglich eines indem diese Fragen verhandelt werden würden, d.h. In der Bäckerei traf ich für gewöhnlich den Bäcker, wo treffe ich dann den Filmemacher oder den Künstler? Laut einem Passanten in Karlsruhe trifft man die Künstler nicht einfach auf der Straße, sondern im Atelier. Folgerichtig treffe ich den Autor eines Films auf dem Set. Bei einem Film dessen Set bisher auf Frankreich, Belgien, die Schweiz und Deutschland verteilt war, kann also nur der Ort des finalen Treffpunkts für das finale Setting geeignet sein, sonst hätte ich nur inkonstante Variablen bei denen es zu keiner Überschneidung kommen könnte.

Wie muss man sich den Treffpunkt also vorstellen? Ein austauschbarer Ort, der überall auf der Strecke gelegen haben könnte: ein Feld, eine Kreuzung, ein Bahnhof, eine Kneipe, ein Parkplatz, ein Lagerfeuer.

Wichtig wäre ein Ort der bei einer Wegbeschreibung auffindbar wäre, ein sog. Landmark. Ein auffälliger oder leicht erkennbarer Ort in der Landschaft; etwas das man kaum verfehlen kann.

In den Westernfilmen findet der shoot-out meistens um zwölf Uhr Mittags, auf der einzigen Hauptstraße des Ortes, zwischen Saloon, Bank und Büro des Sheriffs statt. Heute wäre das wohl ein Marktplatz, mit links einem Bäcker, rechts einem Metzger und irgendwo noch ein Drogeriemark.

Das scheint mir noch nicht das richtige Ende zu sein. Vielleicht doch lieber im Schittraum, überhaupt keines, oder doch hier?

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Schöne Landschaft

Hand in Hand bin ich lange Tage mit dem Rhein gegangen. Auf dem Weg traf ich verschiedenste Leute und alle Sprachen sie von der Schönheit der Region. Wen kann ich also nach der Schönheit befragen? Sie meinen wahrscheinlich die schöne Landschaft. Und wen frage ich was die Landschaft ist?

Bis Bingen bin ich gekommen. Bingen klingt gut, hier will ich bleiben. Vielleicht erfahre ich hier etwas über die Schönheit der deutschen Landschaft. Gewünscht hätte ich mir einen Platz auf der Terrasse mit Blick auf den  Rhein und mit den dahinterliegenden Weinbergen und darauf die Burgen. Von weitem sieht es so aus als habe man, das ohnehin schon wohlgeformte Gelände durch die regelmäßige Anordnung der Rebstöcke und Rebzeilen, versucht, eine ornamentartige Verschönerung des Geländes vorzunehmen. Die Burgen oben drauf vervollständigen das Modellhafte dieses Anblicks. Sattdessen sehe ich zu meiner rechten, durch eine kleine Fensterscheibe, die leeren und verregneten Freisitzmöbel auf dem Platz und dahinter einen glücklosen italienischen Eisverkäufer. Ich bestelle zu meinem echten deutschen Spargelsalat, grüner und weißer Spargel angemacht mit Vinaigrette Soße, einen trockenen Riesling Kabinett aus der Gegend Rheinhessen. Ist Landschaft also die dünne horizontale Linie an der sich Land und Atmosphäre scheiden oder ist Kultur vielleicht das richtige Wort dafür? Solange das Wort schön alles zu erklären scheint wird sich dafür keine Antwort finden.

Ergänzung 1:

Ich denke, dass es verschiedene Erfahrungsebenen für Landschaft gibt, unabhängig davon das Landschaft immer in einem, sich gegenseitigen bedingenden Verhältnis zwischen Natur und Kultur steht. Denn selbst der Blick auf eine Landschaft ist kulturell vorgeprägt. In diesem Sinne gibt es die schöne Landschaft, die man sich passiv durch die Abbildung und Darstellung von Landschaft ansieht, die Landschaft die man im vorbeifahren vom Zug oder vom Auto aus betrachtet oder aber die Erfahrung, wenn man Landschaft erobern muss, mit der eigenen Lebenszeit und Lebenserfahrung; mit seinem Körper und dem Geist. Letzteres verlangt eine Verinnerlichung dessen was man Landschaft nennt. So muss man den Begriff der Landschaft individuell erst Formen um ihn zu begreifen. Schön ist vielleich das was, in der Erinnerung daran, davon bleibt.

Ergänzung 2:

Wie würde denn die schöne Landschaft klingen? Vielleicht würde man erst das Harfenspiel der Loreley hören und bald darauf die, an den Felsen zerschellenden, Schiffe. Apropos: in Dubai soll es auf öffentlichen Plätzen Lautsprecher geben aus denen Vogelstimmen klingen, da es in der Wüste nunmal keine oder jedenfalls nicht die Vogelarten gibt die klanglich ins konstruierte Landschaftsbild passen. Wie könnte also die schöne Landschaft ohne die Lokalsprache auskommen? Die der Menschen und der Tiere? Lautsprecher in der Hecke aus denen mit badischem Akzent Landschaftsbeschreibungen zu hören sind? Heute ist es indes das schlechte Englisch der vielen europäischen Touristen, denen man unvermeidlich mit halbem Ohr zuhören muss.

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Die Zeit im Blick

In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse überschlagen. Ich hatte versucht zu fokussieren doch stattdessen ist der Zufall, einmal mehr, Herr über mein Schaffen. Zu sehr beeinflussen mich die Begegnungen mit den Menschen und mit der Landschaft. Ich wollte die Methode ändern, doch es liegt mir nicht; es liegt mir nicht die Methode zu ändern, schon gar nicht bei der knappen Zeit, die noch bleibt.  Es ist bezeichnend dass meine analoge Uhr und meine digitale Uhr eine unterschiedliche Zeit anzeigen. Die Analoge zeigt etwa, seit zwei Tagen entweder 3 Stunden und 33 Minuten früher oder aber 9 Stunden und 57 Minuten später an und das jeweils plus-minus 12 Stunden (0-12h & 13-24h). Was ist mit der Zeit geschehen? Reise ich schon durch sie hindurch, wie in den Sci-Fi-Serien, wenn die Autoren nicht mehr wissen was es zu erzählen gibt, oder ist die Zeit etwa verloren gegangen?

Über Gott und die Welt

Ich versuche anhand der Tätigkeit der Personen Fragen an sie zu stellen die ihrem Lebens und Arbeitsumfeld entsprechen, denn nur im seltensten Falle ergeben sich interessante Gespräche außerhalb der Interessensbereiche, die mehr als nur Allgemeinplätze austauschen, sobald die gemeinsame Gesprächsgrundlage verlassen wird; vor allem dann wenn es um Persönliches geht. Manche Menschen kann man jedoch erstmal nicht einschätzen, oder eben nur falsch, dann entstehen die wirklich interessanten Gespräche parallel zur eigentlichen Gesprächsgrundlage. Am Gang eines Menschen kann man übrigens auch nichts über sein Wesen oder den sozialen Status ablesen habe ich gelernt.

 

Zwischen Gott und der Welt

Kurz vor Mannheim ist er plötzlich da. Er trägt zwar keinen Hut doch einen Bart, sieht nicht aus wie ein John oder Frank, sein Name sollte Thomas sein; schwarze Kleider und nur einen kleinen Rucksack. Wie ein Wanderer im klassischen Sinne sah er nicht aus, eher wie ein Stadtflaneur oder aber ein Landstreicher, dafür wiederum zu wenig heruntergekommen. Er ist mir auf Anhieb sympathisch und trägt etwas Vertrautes in seiner Art. Wir laufen ein Stück zusammen. Wo er her kommt will er mir nicht sagen, auch nicht wo er „wirklich“ herkommt.

 

Zwischendurch begegnen wir anderen Personen. Er bemerkt meine Arbeitsweise und fragt ob es, „zwar nicht moralisch“, aber rein rechtlich nicht problematisch sei, Leute ohne ihr Einverständnis aufzunehmen und die Gespräche für den Film zu verwenden. Ich sage ihm, „Filmemachen ist eine Grauzone“.

Über vieles, das hier keine Erwähnung finden kann, haben wir gesprochen. So plötzlich wie wir uns begegnet sind trennen wir uns ohne großen Abschied auch wieder.

Bis bald mein Freund

 

Während der letzten Tage bin ich viel an Weinbergen vorbei gekommen. Am Ortseingang eines winzigen Ortes vor Mainz, finde ich ein altes Haus mit Garten von wo aus ich das ganze Gebiet überblicken kann. Dort schlage ich mein Zelt auf. Als es dunkel genug ist steige ich hinab, auf der Suche nach Menschen, doch ich finde nur Katzen die mich in der Dunkelheit begleiten. Ich werde zum Cliche: ein Fremder der des Nachts herumstreunert. Es ist mir unangenehm also steige ich wieder zurück hinauf auf meinen Weinberg.

Am nächsten Morgen laufe ich wieder durch flaches Gelände. Regelmäßig hängen die Rucksäcke der Saisonarbeiter an den Rebstöcken. Ich frage mich kurz was sie darin wohl mit sich tragen. Am naheliegendsten wäre es etwas zu trinken und zu essen darin zu finden. Ich mache mir einen Spaß daraus in den einen Rucksack eine Banane, einen Apfel und eine halbe Packung Nussmischung hineinzulegen.

Im Tal treffe ich endlich einen Winzer. Er beantwortet alle meine Fragen, unter anderem auch die, ob die Felder auf ebener Fläche auch Weinberge genannt werden. „Ja, dort werden in der Regel die schlechteten Sorten angebaut“. Er empfiehlt mir wieder im hügeligen Gelände zu laufen, dort soll es landschaftlich, mit Ausnahme der Wimdräder im Hintergrund, besonders schön sein.

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Ich komme per Zufall an die Gedenkstätte des KZ Osthafen

 

Ich brauche viel Zeit, die Audiofiles anzuhören und für diesen Beitrag auszuwählen. Ich fasse mich also kurz und fasse in zehn Worten meine bisherige Reise zusammen.

Stadt – Land – Fluss – Weg – Mensch  – hier – dort – sein – wieder – fremd

 

25.Mai 2015 – Burning Worms

Rhein-Neckar25.05.2015

Brand in Lagerhalle in der Wormser Klosterstraße – Ursache noch unklar

Von Johannes Götzen

WORMS – Direkt neben der Asylbewerberunterkunft in der Klosterstraße geriet am späten Montagnachmittag ein Lagerschuppen in Brand. Das Feuer drohte auf das Hochhaus, in dem aktuell 85 Asylsuchende untergebracht sind, überzugreifen, was die Feuerwehr aber verhindern konnte.

http://www.wormser-zeitung.de/lokales/nachrichten-rhein-neckar/brand-in-lagerhalle-in-der-wormser-klosterstrasse-ursache-noch-unklar_15448891.htm

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DIALEKTIK oder Von der Zweifachkeit der Dinge

Tag 16,17,18

DIALEKTIK oder Von der Zweifachkeit der Dinge

Zwischen den Städten (Abschied von Mannheim)

Mein Tonaufnahmegerät und ich sind nach der Hälfte der Strecke in eine Art Symbiose übergegangen. Es läuft den ganzen Tag, genauso wie ich; und die Akkus werden nicht mehr so richtig voll wie am Anfang, so wie auch meine Kraftreserven knapper geworden sind. Die Stadt ist zur Metapher auf dieser Reise geworden: ich Pendler, zwischen Provinz und Stadt, genieße die schönen Märsche auf dem Land, den Schlaf unter freiem Himmel oder im Wald; als Wilder komme ich wieder in die Städte um mich aufzuladen und physisch zu erholen (nicht gewollt, doch durch den Rhythmus der Wanderung bestimmt). Gewohnheiten der Zivilisiertheit: ein Bett und eine Dusche, sind die Vorzüge die ich genieße, doch gedanklich führt mich das zur Stagnation. Die Stadt kann im direkten Vergleich nicht mit dem langen Atem des Landes mithalten, zu kurz sind die urbanen Intervalle der Stadt getaktet um meinem Menschenleben gerecht zu werden. Die Batterien haben nicht die Zeit sich vollends aufzufüllen, denn an jeder Ecke saugt wieder etwas an ihnen. Gespalten,  mit halbem Körper und halbem Geist, ziehe ich also Spüren wie ein Traktor durch das Land. Muster werden erkennbar: des Verhaltens, der Ordnung, des Umgangs, der Gewöhnung. Das Hin-und Her-Spielchen mit dem Rhein ist auch ein Zweifaches, allerdings kein deutsch-französisches mehr, doch es bewahrheitet sich: erst Kehl – Straßburg dann Mannheim – Ludwigshafen. Es ist nicht mehr der Kraftaufwand beim Laufen welches Probleme bereitet, das geht wie von alleine, sondern die Präzision mit der die Kräfte eingesetzt werden – die Fokussierung auf das was auf den letzten Metern des Projektes wesentlich ist, um die eigene Arbeit möglichst vollständig zu machen; oder zumindest sagen zu können: auch Initiative ergriffen zu haben und nicht nur auf den Zufall vertraut zu haben. Doch welche ist diese Initiative, wenn ich doch nicht mal weiß wo ich heute Nacht schlafen werde?

 

Von Altem und Neuem – wissen wer der Babo ist

Beim nächtlichen Flanieren durch Mannheim, verpasse ich es leider zum wiederholten Male die vorbeifahrenden Mercedesse, mit heruntergelassenem Fenster, aus dem zumeist deutsche Rapmusik DRÖHNT, aufzunehmen. Wieso versucht der Jugendliche und der Junggebliebene, besonders der Stadtprolet (Anhänger des Hiphopproletariats, im nicht-soziologischen Sinne,  eigentlich lässig zu sein und das Lockersein vorzeitig zu erzwingen? So wird ihn doch naturgemäß das Heranreifen mit der Uniform des Alters wie folgt einkleiden. Ich komme an vielen Kurorten und Touristengebieten vorbei. Immer sind es ältere Personen mit denen ich in Gespräch komme. In dieser Region, weniger der Strukturschwäche und dem Demografischen Wandel geschuldet, wie dem plausiblen Selbstverständnis, dass die jüngeren alle am Arbeiten sind. Unsere Omas und Opas sind zum Symbol geworden. Sie tragen alle dieselbe unverkennbare lässige Uniform des Alters. Trotz jedweder Individualität, die in der Jugend zelebriert wurde, verwandelt das Alter uns alle zu Mitgliedern der Reisegruppe „Kairos“; der weißhaarigen oder Kahlköpfigen, der Langsamgeher, der hellbeigefarbenen Westenträger, bei den Männern; die KurzhaarlockenfrisurträgerInnen bei den Frauen. Als seien sie alle vom selben Schlag. Ihre Erscheinung macht ihre persönliche Geschichte vergessen und lässt sie als gezähmte und rührselige Horde in Erscheinung treten. „Hang loose“ wird zum Programm oder zur Metapher für das Fleischkostüm das wir verdammt sein werden zu tragen. Bei den jüngeren Generationen ist man die Artenvielfalt gewöhnt und dass vieles der jeweiligen Erscheinung nur kodifiziert und aufgeladen ist, einer bestimmten Zugehörigkeit wegen oder um das eigene Selbstbild aufrecht zu halten. Vieles von dem äußerlich erkennbaren Charakter der Person verschwindet jedoch, hinter dem behäbigen mit Haut behangenen Körpergerüst. Ich betrachte sie mit Freud und Leid, meine freundlichen Gesprächspartner, meinem eigenen Schicksal entgegenblickend. Die zu Lässigen bedauere ich hingegen und gebe ihnen folgendes mit auf den Weg:

„Wer bist du?

Ich bin Kairos, der alles bezwingt!

Warum läufst du auf Zehenspitzen?

Ich, der Kairos, laufe unablässig.

Warum hast du Flügel am Fuß?

Ich fliege wie der Wind.

Warum trägst du in deiner Hand ein spitzes Messer?

Um die Menschen daran zu erinnern, dass ich spitzer bin als ein Messer.

Warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn?

Damit mich ergreifen kann, wer mir begegnet.

Warum bist du am Hinterkopf kahl?

Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin,

wird mich auch keiner von hinten erwischen

so sehr er sich auch bemüht.

Und wozu schuf Euch der Künstler?

Euch Wanderern zur Belehrung.“

– Gründel 1996

 

BASF-Stadt und Musik

Uwe, den ich auf der Wasserschutzbrücke am Karlsruher Hafen getroffen habe sagte mir, dass es  in Baden-Würtemberg 20.000 Bewohner benötigt, um als Gemeinde den Status einer „Stadt“ zu erhalten. Bei BASF arbeiten, laut der kroatischen Vermieterin des Fremdenzimmers 100.000 Personen. In der Tat beherrscht es das gesamte Stadtbild der Nachbarstadt Mannheims. Sollte Ludwigshafen nicht einfach in BASF umgetauft werden? Bevor ich das sog. Fremdenzimmer, unweit von Tor 12 der Industrieanlage, in (noch) Ludwigshafen verlasse, läuft eine Dokumentation im RNF (Rhein-Neckar-Fernsehen), über den Bluesmusiker B.B. King. Das lässt mich darüber nachdenken welche Rolle Musik einmal in der Gesellschaft gehabt haben muss. Abgesehen von den Gefühlen die sie auslöst, scheint Musik auch heute noch, vor allem ein gutes Medium zu sein um Massen zusammen zu führen. Der Blues ist da etwas anders, es geht eben nicht um die Masse. Peter Liechti sagt in seinem Film Namibia Crossing, „Vielleicht, ist Wehmut das deutsche Wort für Blues. Ein schönes Gefühl obwohl es weh tut.“. In der Dokumentation heißt es weiter, der Rock&Roll habe die jungen Massen weltweit angezogen und vom Blues weggeführt. Es stehen sich also gegenüber: das Tanzen und die körperliche Nähe des Rock&Roll, und der Blues, eine Musik die mehr einem Seelenzustand entspricht, als einem Sport. In welchem Organ steckt die Seele und wie bringt man sie in Wallung? Was wäre die deutsche Entsprechung für Rock&Roll und welches Lebensgefühl wäre damit ausgedrückt, wenn Blues gleichbedeutend mit Wehmut wäre? Vielleicht die ewige Wiederkehr des Gleichen? Ein Professor von mir sagte einmal:“ wenn Nietzsche heute noch leben würde. dann wäre er mit Lady Gaga zusammen.“ Ich denke also dass Musik heute, derart inflationär im Alltag vorzufinden ist, sei es durch Werbung, Handyklingeltöne und andere lärmende Kommunikation, dass sie ihre Mittelbarkeit verloren hat, so auch die einfachen Töne und überhaupt das Gehör. Was ich damit sagen will ist: Früher stand der Mensch, aufgrund der geringeren Auswahlmöglichkeiten, sich näher. Das Ereignis eines Konzerts oder allein des Radios zu seinen Anfangszeiten (Die Stammestrommel wie Marshal Mcuhan sie nannte), brachte die Leute zusammen. Und obwohl es selbstverständlich Differenzen unter den Menschen gab, entstand eine Verbindung empfindsamer Natur. „Musik verbindet“, sagt man. Heute ist die Auswahl der Unterhaltung und Zerstreuung derart groß und unüberschaubar, dass der Mensch schon nicht mehr weiß was er will. Alles was ihm bleibt ist, jemand anderen für sich entscheiden zu lassen, was er/sie will. Ich zeichne also den Ton der Dokumentation über B.B. King und im Anschluss die über Komodovarane auf.

 

Das Summen der Insekten

Zufällig komme ich an einer Motocrossrennstrecke vorbei. Ich frage direkt ob ich irgendwo möglichst nahe an der Piste stehen kann um den Motorenlärm aufzunehmen. Ich bekomme eine Warnweste und darf zwischen zwei Bahnen stehen und Töne angeln. Nachdem das Rennen vorbei ist kommt der nette Herr von vorhin, der mir den günstigen Platz zugewiesen hat, und fragt besorgt, ob ich von irgendeiner Behörde sei. Ich beruhige ihn und sage ihm, dass ich Töne für meinen Film aufnehmen würde. Ein Kapitel darin soll „Das Summen der Insekten“ heißen; er versteht sofort, „ja, in das Geräusch kann man sich verlieben“ und lädt mich um 13h auf ein Bier ein.

 

Was habe ich bisher eingesammelt und was brauche ich noch? 

Grob waren meine bisherigen Etappen folgende:

Zürich – die lauteste Stadt; Baden, dann die Grenze zu Deutschland, Konstanz; der Aufstieg auf den Mittelweg im Schwarzwald; die mühsamen Tage der Auf- und Abstiege bis zum Schluchsee; der Zug nach Freiburg; Flachland — Tage des Deliriums; durch die Provinz nach Kehl; die Frankreich Episode in Straßburg; Angeln am Rhein und die Liebe zum Rhein; Zurück in die Stadt, Karlsruhe; den blauen Strahl entlang; lockere Söhne Mannheims.

Ausstehende Erzählungen:

der Bäcker, der Landwirt und der politische Metzger; die Begegnung mit dem anderen Wanderer; Geschichten am Lagerfeuer.

 

Weitere Ideen und Themen:

Tage der Einsamkeit – ein Tag nur im Zelt

Die Soziologische Methode

Bilder nennt mir eure Töne

Telefonate mit Freunden

Nachrichten von Freunden

Zitate

Interview mit einer Radiostation

Der Flug und wie hört sich das Fliegen an?

Was sagt der Musiker zur Musik?

Was sagt der Künstler zum Experiment?

Schnitte in Raum und Zeit

Künstler und Lebenspartner: Was sagt die Lebensgefährtin zum Leben?

Der Angler

Der Zoo – ein Märchenwald im Schwarzwaldgebiet

Burning Worms (25.05.2015)

 

Wieder in der Stadt gewesen

Wieder in der Stadt gewesen

Ich bin am Stadtrand von Karlsruhe angelangt und merke dass die freundlichen und aufmerksamen Grüße die mir sonst auf meinem Weg in verschiedenster Form entgegengebracht werden, nachgelassen haben. Nach und nach höre ich auch damit auf, den Personen die mir entgegenkommen in die Augen zu schauen, geschweige denn sie zu grüßen.

Ich finde eine Liste:

„19/05/15

Waffeln backen?

Station See

Oder andere Vorschläge?“

An der S-Bahnhaltestelle steht eine Gruppe junger Kerle. Sie hören schlechte Musik aus den schlechten Lautsprechern ihrer Telefone und rauchen einen Joint. Sie haben eine Art sich zu geben die ich kenne. Ich finde  dass sie als Kontrast zu meinen bisherigen Begegnungen ganz gut ins Programm passen und spreche sie an. Es ist leicht mit ihnen ins Gespräch zu kommen, denn sie sind allseits gereizt und auf der Lauer, wie Schakale oder Hyänen, immer in der Gruppe auf der Suche nach Unterhaltung, jedoch uninspiriert. Sie reden für mich unsinniges Zeug, doch für sie fundamentales. Alles kann zur Belustigung herhalten. Es ist auch nicht wichtig was sie untereinander sprechen sondern nur dass sie etwas sprechen. Das scheint mir allerdings ein weitverbreitetes Phänomen zu sein. Sie lassen nicht lange auf sich warten mit der Frage, wo ich her komme. Was mich ein wenig wundert. Ich sage aus Zürich und dass ich das alles zu Fuß hinter mich gebracht habe. Daraufhin folgt eine Reihe Aussprüche die ich höchstens mit „krass“ und „boah“ und „Scheisse“ interpretieren kann. Zwischendurch wird viel auf den Boden gespuckt und weiterhin cool getan. Sie fragen ob ich alleine sei und warum ich das mache. Mir ist klar, dass ich für sie eine Witzfigur bin und mich mit allem was ich sage nur lächerlich machen kann, doch sie hören mir alle aufmerksam zu und deshalb erkläre ich ihnen, in einfachen jedoch ausführlichen Worten, was es mit dem Projekt auf sich hat. Als ich fertig bin, heißt es ich sei ein Zivilbulle mit einem versteckten Mikrofon. „Ein Zivilbulle! Hahaha … Wo hast du das Mikrofon?“ Ein anderer zeigt auf mein Tonaufnahmegerät das in der Tat sehr präsent aus  meiner Brusttasche ragt, „Da schau. Wäre er ein Zivilbulle dann würde er es doch nicht so zeigen.“ Ich hatte das Aufnahmegerät trotz allem an und habe das Gespräch aufgenommen. Ich frage sie, der Reihe nach, wo sie herkommen und wo ihre Freunde herkommen. Türkei, Russland, Polen etc.,  „und wo kauft ihr euer Gras?“ „Nur bei den Albanern, die Russen verkaufen nur Scheiße.“ Sie fragen mich weiter: „Kann man mit  dem Film Geld verdienen?“ Ich weiche der Frage aus und stelle die Gegenfrage, „was sie in ihrer Freizeit leidenschaftlich gerne tun?“ Wie im Chor, zwar nicht in derselben Reihenfolge doch durch die Bank, kommen die Antworten: ficken, kiffen, Fußball, Playstation, nein Playstation ist scheiße lieber Xbox.“

„Was hat sich geändert?“, fragt Peter Liechti an einer Stelle in seinem Film Hans im Glück. Seine Antwort ist, dass er es nicht wisse und das sei, was sich geändert habe. Was hat sich für mich geändert frage ich mich wenn ich diese Jungs erlebe? Garnichts, denn das muss zu meiner Zeit; von außen, so ähnlich wahrgenommen worden sein.

Ich laufe weiter in die Stadt und bekomme schlechte Laune. Die Hauptstraße ist eine einzige Baustelle und es ist trotzdem oder gerade deshalb viel Verkehr. Heute hat sich keiner gedacht, „ich lasse das Auto mal stehen, man kommt eh nicht voran“. Die Fußgänger eilen hastig über die Ampel, stoßen und rempeln sich an; beschimpfen sich. Die Besitzer der kleinen unbesuchten Handyläden und Fingernagelstudios sind ihre eigenen Kunden und rauchen wie besessen – Alles zum Selbstzweck. Ich ertrage nichts von alldem was ich in der Stadt sehe und höre. Ich schrecke zurück als ich BIOLADEN lese. Eine Frau, mit einem Anhänger voller Kinder der am Fahrrad befestigt ist, betritt den Laden, komplett in naturbelassener Baumwolle eingewickelt sieht sie aus wie eine Mumie mit Rock. Weiter vorne sieht man vor lauter Lichterketten das Innere des Geschäfts nicht mehr. Die Bäcker … darüber brauchen wir nicht reden. Ich ertrage plötzlich das Gesamtkonzept Stadt nicht mehr. Ich hatte mich an die Ruhe auf dem Land und den freundlichen Umgang miteinander gewöhnt. Hier fragt  keiner mehr nach, keiner will mehr etwas wissen, denn sie wissen bereits alles. Alle nur das ihre, das ist das Problem.

Mich ärgert die Mangelnde Distanz. Es ist keine Nähe in einem Raum den man sich teilt, es scheint mehr eine Nähe zu sein die beidseitig negativ gepolt ist und ein Abstoßen hervorruft. Auch meine Gedanken sind davon beeinflusst, wie eine Flipperkugel, stoßen sie rastlos an. Sie stoßen sich an dem was ich sehe und höre, nur um des Stoßens Willen; ständige explosionsartige Schocks in Form von visueller und auditiver Kommunikation die meine Aufmerksamkeit in kleine Fetzten zerreißt, bis nichts  mehr davon übrig bleibt außer für Momententscheidungen wie, hinsehen und hinhören oder ausblenden? Letzteres ist der Fall. Die einzige Frage die ich hier gerne den Passanten stellen würde ist, warum sie so dumm schauen?

Meine Wut legt sich nach einer warmen Dusche. Draußen ist es dunkel geworden. In der Stille der Nacht flaniere ich zum ersten mal ohne Rucksack durch die leere Innenstadt. Es ist unter der Woche und ich komme endlich zur Ruhe. Ich denke über die Begegnung mit den Jungs nach und über die Arbeitsmethode und bin plötzlich unzufrieden. Mir fällt ein Gespräch mit Philip Scheffner ein, bei dem ich ihn zu seinem Film Der Tag des Spatzen fragte, wofür der Vogel in seinem Film stünde – eine Metapher wofür? Seine mehr als klare Antwort war, dass es da keine Metapher gebe, sondern dass er den Vogel als solchen ernst nehme. Ich frage mich also, ob ich die Personen, denen ich bisher begegnet bin, ernst genommen habe oder ob meine Unterhaltungen mit ihnen nur ein Mittel zum Zweck waren. Ein Mittel für den Film. Ist es in Ordnung, die Leute unwissentlich aufzunehmen? Zum einen geben sie sich in den Gesprächen sehr ehrlich und natürlich, ihr spontanes Wesen offenbart sich mir dabei. Zum anderen: würde ich sie interviewen denke ich dass sie nicht so offen mit mir sprechen würden. Meistens waren mir bisher auch die Namen der Personen gleichgültig, es waren eben Begegnungen unter Fremden. Doch was bleibt? Eine anonyme Masse an Aussagen über Gott und die Welt? Nein, ich habe mich nie schlecht dabei gefühlt. Ich verlasse mich auf mein Gefühl und ich habe das Gefühl dass manche Menschen ein dringendes Vermittlungsbedürfnis haben, weil sonst ja keiner mehr nachfragt.

Ich stehe um fünf Uhr Morgens auf und gehe an den Karlsruher Hafen um meine Serie der verwehrten Transportmittel weiter zu verfolgen. Je näher ich dem komme, desto mehr bekomme ich das Gefühl dass Städte nicht für das Zusammenleben gedacht und konzipiert sind, sondern nur mehr für den Transport von Waren und von Menschen. Je weniger Reibung desto flüssiger der Transport, schon wieder nur zum Selbstzweck habe ich das Gefühl – um aneinander vorbei zu leben? Ich folge dem Krach der einzelnen Betriebe am Hafen und genieße für einige Stunden den Lärm der schweren Maschinen, weil es heute meine Tagesaufgabe ist.

Auf der Wasserschutzbrücke treffe ich Uwe. Er ist 72 Jahre alt (sieht viel jünger aus) und gelehrter Metzger; er fährt jeden Tag seine Runde mit dem Fahrrad und beobachtet das Geschehen am Hafen. Als wir uns unterhalten blicken wir auf die Bagger auf dem Gelände der EnBW, wie sie kleine Feinkohleberge auf den großen Haufen schieben. Währenddessen erzählt er mir davon wie schlecht die Stadt Karlsruhe haushaltet und von seiner Dementen Schwägerin; von Verschwinden der, so wichtigen, Mittelschicht, von den vielen Fachidioten in den Universitäten und davon wie schlecht die Lehrlinge heute ausgebildet werden. Die einzige Frage die ich ihm gestellt habe war, wie es ihm heute geht?

Nachdem ich bisher einige interessante Gespräche geführt habe, überlege ich die Methode zu wechseln: Lieber frage ich gleich ob sie ein paar Minuten Zeit haben um sich zu unterhalten und ich erkläre mein Anliegen. Schließlich interessieren mich die Personen tatsächlich, denn nie war ich Fremden so nah wie während dieser Wanderung. Mir stellt sich also weiterhin die Frage, welche Fragen es sind, die ich gerne beantwortet haben möchte; um etwas von den Personen weiter zu tragen, (z.b. in unseren Film) oder um eine Ahnung von den Bedürfnissen der Menschen in dieser Gegend zu bekommen. Vielleicht ja so: Wie geht es ihnen? Welchen Beruf üben sie aus? Wie lange schon? Was hat sich seither verändert? Ins bessere oder ins schlechtere? Sind sie glücklich damit? Was würden sie ändern und was wünschen sie sich? Was wünschen sie sich für ihre Kinder? Ich mag Listen nicht unbedingt, doch anhand einer wiederkehrenden Ordnung strukturieren sich die unterschiedlichen Antworten von selbst. Und wenn ich dann meine Antworten und Kategorien habe? Dadurch ergibt sich noch lange keine Narration, keine Dramaturgie, kein Thema. Außer vielleicht so gesehen wie, einzelne Perlen aufgefädelt zu einer ganzen Kette von Argumenten, über das allgemeine Befinden. Das Resultat? Bekenntnisse eines Teils der deutschen Gesellschaft? Vielleicht ist es auch einfach ein guter Ausgangspunkt.

Das lässt mich an den Film Commizzi D’Amore denken von Pier Paolo Pasolini (1963), als er mit dem ersten mobilen Filmstudio Italiens, von Norden nach Süden, durch das Land fuhr um, sowohl einfache Bürger als auch bekannte Persönlichkeiten des Kulturlebens, nach Sexualität, Liebe und anderen unangenehmen Themen zu befragen. Er stellte Kindern und Erwachsenen auf den Piazzen die selben naiven Fragen. Das Ergebnis? Ein Ergebnis mit vielen Ansichtsmöglichkeiten.

Ich verlasse Karlsruhe auf dem „Blauen Strahl“ in Richtung Norden. Von den Passanten die mir begegnen und die ich frage weiß keiner warum es diesen blauen Strahl, zusammengesetzt aus in den Boden eingelassene blaue Platten, überhaupt gibt. Es scheint niemanden zu interessieren also interessiert es mich auch nicht weiter. Mit dem blauen Strahl im Rücken verschwinde ich im Wald.

Die wenig ereignisreichen letzten zwei Tage werfen mich auf mich und den weiten restlichen Weg zurück. Ich lese die Beiträge von Jonas und Nico und freue mich dass wir scheinbar zeitgleich ähnliche Gedanken haben. Des weiteren freut es mich ein paar Nachrichten von Freunden erhalten zu haben, die das Projekt rege mitverfolgen und schöne Worte gefunden haben. Morgen ist Pfingsten und ich werde wieder an die Freunde und Verwandte denken; auch an die bisherigen Begegnungen; was ich versäumt habe und was ich noch vor habe.

Morgen erstelle ich eine lange Liste der Dinge die ich mir wünsche und die ich schon hinter mir habe.

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Tag – X

Das Wandern schafft Ordnung; oder über das Fremdsein; oder über die deutsche Hecke oder über Goethe

Seit meiner Nacht im Pferdestall fühle ich mich ganz besonders meiner Umgebung und der Landschaft verbunden. Für meinen Großvater, der Hirte war, war das normal, ich selbst, ein Stadtkind, musste erst durch halb Deutschland laufen, um das zu verstehen. Deutsches Wetter, deutsche Vorgärten, deutsche Architektur – ich fühle mich sehr wohl hier. Doch wo ist hier? Für einen Wanderer ist hier jeden Tag woanders, heute liegt hier irgendwo zwischen Rastatt und Karlsruhe, morgen schon wieder woanders. Sonst bin ich immer nur ein Fremder an einem neuen Ort. Was hat es eigentlich auf sich mit dem Fremdsein?

Heute laufe ich die Bahnschienen entlang, so wie ich vorgestern den Rhein entlang gelaufen bin – ich kann also nicht vom Weg abkommen – und in absehbarer Zeit werde ich, den Gleisen folgend, am Karlsruher Bahnhof ankommen. Dabei fällt mir die Anfangsszene aus dem Film They Live (Sie Leben, 1988) von John Carpenter ein; einer der wichtigsten Autorenfilmer Hollywoods, der in den 70er und 80er Jahren fantastische Science-Fiction-Filme machte, die verkleidet als typische Genrefilme, präzise soziale Untersuchungen über die amerikanische Gesellschaft seiner Zeit anstellten. Aus meinem Gedächtnis gebe ich wie folgt wieder: der Film beginnt, wie alle John Carpender Filme, mit der Panoramaansicht einer Stadt (in dem Fall Los Angeles, wie in fast all seinen Filmen). Es folgt eine Serie von dokumentarischen Aufnahmen unterschiedlicher urbaner Szenarien und wir landen beim Bahnhof. Ein Güterzug versperrt uns die Sicht und fährt lange und langsam durch das Bild. Als der Zug endlich die Sicht freigibt, sieht man den Fremden (einen weißen Mann, robust gebaut, ein typischer John oder Frank mit Jeans und Karohemd; gespielt von Roddy Piper, der ein bekannter Wrestler seiner Zeit war, jedoch ein miserabler Schauspieler; seine Besetzung begründet sich entweder durch das knappe Budget oder aber mit der längsten Gossenschlägerei der Filmgeschichte, für die er Kurt Russel in diesem Film ersetzen musste). Durch seine Augen werden wir im weiteren Verlauf des Films die sozialen Probleme dieser Stadt betrachten und was sich hinter den Werbeslogans tatsächlich verbirgt.

Nicht ganz anders ist es bei uns dreien: wir kommen irgendwo hin und urteilen, mit unseren Analysetools (Bild, Text, Ton) und moralischen oder unmoralischen Bewertungskriterien, über das, was wir sehen, hören und fühlen. Habe ich schon erwähnt, dass ich mich heute besonders deutsch fühle? Wenn ich also jeden Tag aufs Neue, wie der Fremde aus dem Film, in die kleinen bis mittelgroßen Ortschaften komme und durch meine perfide Masche der Hilflosigkeit ins Gespräch komme, so geschieht meistens Folgendes: Ich werde gefragt, wo ich denn herkäme. Scheinbar eine einfache Frage, ich weiß nur immer nicht so recht, wie ich mit dieser Frage umgehen soll, auf deutsch: wie diese gemünzt ist bzw. was ich nun antworten soll. Heute würde ich sagen, „aus Deutschland“. Abwechselnd bin ich präziser und sage: „Ich bin gebürtiger Münchner, doch meine Eltern sind Italiener“. Angesichts meines Auftretens als Wanderer, verkompliziert sich die Antwort um noch einen Aspekt, denn dann kommt mein Ausgangspunkt Zürich hinzu. Es verstricken sich also Herkunft, Heimatsdefinition, Identitätsdefinition, Fremdcharakterisierung, Selbstbild, kulturelle Prägung und Art der Sozialisierung. Unvermeidlich (und hier liegt der Hund begraben – sagt man das so auf Deutsch?), ist die unscheinbare Frage: „Wo sind sie denn „eigentlich“ her!? Dann läuten bei mir alle Glocken, denn dass ist die alles entscheidende Frage! Das heißt dann nä(h)mlich, dass sich jemand aufgrund meiner äußeren Erscheinung, die einen Migrationshintergrund vermuten lässt, für sich entschieden hat: „So sieht kein Deutscher aus, der muss von woanders her sein.“ „Alles in Ordnung, das ist schon okay für mich“, denke ich mir dann und antworte brav in anständigem Deutsch.

Eigentlich ist diese alles entscheidende Frage doch auch nur eine Interessensbekundung, die den Deutschen gewissermaßen einverleibt ist: Das Land der Wanderer, Forscher und Entdecker mit einem großen Interesse für das Fremde und das Exotische (wusstet ihr, dass die Pizza Hawai in Deutschland erfunden wurde?). Mehrfach wurde mir auf dieser Reise schon ans Herz gelegt, ich solle doch lieber durch Afrika oder Indien wandern. Wenn ich ihnen dann antworte, dass das Badische Umland für mich genauso fremd ist wie Afrika, dann schauen sie recht blöd. An dieser Stelle würde ich gerne einige meiner Lieblingshecken und einzelne Elemente der deutschen Dorfästhetik zeigen.

In jedem Ort gibt es die Dorfstraße, die Kirchenstraße, die Schulstraße und, was nie fehlen darf, die Goethestraße. Ja mein geliebter Goethe, wie gerne habe ich dich auf deiner Italienreise begleitet. Goethe, ein Symbol; der Wanderer, ein Symbol; der Fremde, ein Symbol. Die Deutschen lieben ihre Wanderer und Symbole, ihre Listen. Heute auf dem Wochenmarkt in Ötigheim hielt mich eine Frau auf und fragte mich, wo ich denn herkäme und wo ich denn hinwolle; und als ich sage, dass ich aus Zürich sei und nach Düsseldorf wolle, da trieb es ihr die Tränen in die Augen: „Das hätte ich auch gerne mal gemacht (winselt sie), viel Glück wünsche ich Ihnen noch.“ Gestern stellte ein Vater mich seiner Tochter vor, indem er sagte: „Das ist der Wanderer, der zu Fuß nach Düsseldorf läuft – den Namen kann ich nicht aussprechen.“ Heute fühle ich mich gar nicht fremd, heute bin ich zuhause, hier, als Wanderer!

Mit den täglich sich wiederholenden Tätigkeiten entsteht unweigerlich eine Ordnung. Ich muss wissen, wo alles ist, und meine Routine beibehalten. Im Film Hans im Glück, sagt der Bauer Sepp (sinngemäß): “Wichtig ist ein überlegtes Leben und dass man weiß, wo man steht; dass man seinen Platz kennt, sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft.“ Ich muss gestehen, dass ich heute nicht so viele Töne aufgenommen habe, dafür habe ich viel in mein Aufnahmegerät gesprochen. Sonst setzte ich mich hin und die Gedanken fließen während des Schreibens, doch heute habe ich sie mir brav notiert und aufgenommen, um sie später anzuhören. Worauf ich hinaus will, ist: was mich während dieses Filmprojektes erfüllt, ist, jeden Tag aufs Neue eine Aufgabe finden zu müssen. Jeden Tag aufs Neue muss ich mir Gedanken machen, was Priorität hat und was dem Projekt dienlich sein kann. Seine Aufgaben kennen, ist wie seinen Platz kennen. Das ist zwanghafte Ordnung, sowie die Landschaft, die mich umgibt. Apropos, seitdem ich unterwegs bin, habe ich jeden Abend (was eher ungewöhnlich ist) vor dem schlafen gehen ein Bier getrunken. Schlechte Angewohnheit oder kulturelle Abfärbung?

Dankbar bin ich heute als Augenmensch und Fotograf für die deutsche Ordnung und das deutsche Wetter bei bedecktem Himmel. Denn erst auf der Suche nach Ordnung fällt die Unordnung auf, es lässt sich nä(h)mlich Unordnung nur erkennen oder besser: die feinen Unterschiede, die im Detail die Dinge besonders machen, je dichter die Ordnung ist. Als Gefühlsmensch ist mir dennoch eher nach einem Lob auf die Abschweifer, die Querdenkenden, die Spontanen, die Freigeister, die Lücken und Spalten in der Gesellschaft, das Fremdartige, die Intelligenz des Zufalls. Das sind die stillen Künstler unter uns, nicht die selbsternannten, sondern die auserwählten, die die Alternativen erfinden, dann wenn die Ordnung nicht greift, denn bedenkt: „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.“ (von einem großen deutschen Denker und leidenschaftlichen Wanderer – Z)

In einem Vorort von Karlsruhe komme ich an einer Wohnsiedlung vorbei, an der viele Satellitenschüsseln angebracht sind. Meine erste Vermutung ist, dass dort sicherlich viele Personen ausländischer Abstammung leben. Aber vielleicht sind das auch nur Deutsche, wie ich, die je nachdem, was im Fernsehprogramm läuft, ihre Identität wählen können. Wenn der Film gut ist, dann bin auch gerne mal Amerikaner. Genau so wie die vielen Deutschen, die scheinbar eine Satellitenschüssel brauchen oder diejenigen, die sich Minipalmen in die Vorgärten stellen, sehne ich mich auch nach dem Fernen und dem Fremden.

Mit der Fremde verhält es sich wie mit der Vergangenheit, es kommt dabei nicht auf die Entfernung an, sondern auf das Überschreiten einer Grenze. (Chris Marker, zitiert aus Das Fremdland)

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Tag 12: Dienstag 19. Mai – wer sucht, der findet

Wider Erwarten war der heutige Tag doch erlebnisreicher als ich ihn mir je hätte vorstellen können. Ich schreibe kurz unabhängig von den Notizen, die ich mir eigentlich gemacht hatte auf wie sich meine Arbeit heute gestaltet hat.

Mein Tag begann am Flughafen, bzw. auf einem Golfplatz, der ein ehemaliger kanadischer Militärstützpunkt in Söllingen war – bis 1993 und an den Flughafen angrenzt. Von dort aus erhoffte ich mir startende und landende Flugzeuge aufzunehmen. Stattdessen waren, ein extrem lauter Rasenmäher und unzählige zirpende Grillen vor Ort und verdarben mir die Aufnahmen und die Stimmung. Letztendlich habe ich doch noch mehrere kleine Propellermaschienen und einen Linienflieger der Fluggesellschaft Air Berlin abgeschossen. Ab da bin ich recht zügig voran gekommen und habe fleißig das Gespräch mit Passanten gesucht. Die Masche, nach dem Weg zu fragen, funktioniert ganz gut und gestaltet sich in der Regel ähnlich: Ich komme dadurch erst ins Gespräch und daraus ergeben sich wiederum jederlei andere Gesprächsthemen.

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Am Nachmittag rastete ich in Raststatt (ich konnte mir das Wortspiel nicht verkneifen) und fragte Leute ob es den besonders gemütlich in Raststatt sei, aufgrund des Namens. Ich finde, die Stadt ist alles andere als gemütlich und läd auch nicht zum verweilen ein. Sogar das Wappen mutet eher einer Flucht an als der Weintreppe, die es eigentlich darstellen soll (siehe Bild). Es sieht aus als wäre jemand aus einem Kärker entflohen indem er die senkrechten Gitterstäbe zur Seite hin verbogen hätte. Prompt bekam ich auch die Quittung für meinen Blödsinn: als ich im Gespräch mit einem älteren Mann, der mir mit einer erstaunlichen Präzision eine lehrbuchreife Kulturgeschichte des Ortes erzählte, die Tonaufnahme  vermasselte. Das Aufnahmegerät wollte nicht so richtig und ich habe die ganze Aufnahme verpasst. Schade drum. Wie das so ist, kam es dann doch wieder besser. Auf dem Weg nach Karlsruhe lief ich dann die Bahngleise entlang und dachte mir, „nachdem ich am Vortag leidenschaftlich die Frachtschiffe und heute morgen Flugzeuge vom Himmel geangelt hatte, könnte ich die Serie, „mir verwärter Transportmittel“, als nächstes mit den Zügen weitertrführen“, Das war mein Plan und „Pläne haben bekanntlich immer Zukunft“ (Zitat Peter Liechti aus Hans im Glück). So kam es dass ich S-Bahnen und ICE-Schnellzüge aufnahm und sehr zufriedenstellende Ergebnisse erzielte. Nicht weit davon entfernt stieß ich auf einen Reitübungsplatz. „Das machte ja sofort wieder Sinn“, dachte ich mir, „das Pferd als das traditionelle Fortbewegungsmittel“; so reihte sich mein nächstes Vorhaben nahtlos in meinen Plan ein. Ich bat einen der Reiter sein Pferd ein paar Runden im Kreis herumzuführen, damit ich den Ton der Hufe auf dem Asphalt  aufzeichnen konnte. Das machte mich entweder zum Gespött des ganzen Vereins oder aber zur Attraktion. Jedenfalls wurde ich sogleich (wie sollte es auch anders sein) auf ein Bier eingeladen und stand, mit meiner Geschichte der Drei Wege, im Mittelpunkt des Geschehen (trotz der Jesuspassion die im benachbarten Freilufttheater geprobt wurde). Die Leute waren sehr freundlich zu mir und nach längerem Gespräch wurde mir auch die Pferdebox als Schlafplatz angeboten. Angesichts der Liebe zu ihren Tieren, kann man das als eine vertrauenswürdige Geste auslegen. Ich nahm das Angebot an und auch das zweite Bier. Doch nachdem ich Jonas Geschichte, mit dem verzweifelten Mann gelesen hatte, war mir ein wenig mulmig zumute – ich glaube von Ullrich Seidl geträumt zu haben.

Zusammenfassend

Was mich der vorherige und der heutige Tag gelehrt haben ist, vertrauen zu haben in seine Ideen und seine Fähigkeiten; und seinen Instinkten zu folgen. Was soll das heißen? Ja das weiß ich auch nicht. Aus Erfahrung weiß ich nur, dass wenn man eine Idee verfolgt, dann muss man einfach dran bleiben und im glücklichsten Fall fügen sich die Dinge so (zwar nicht von alleine, doch), wie man selbst in der Lage ist, sogar aus dem Scheitern, eine Möglichkeit darin zu erkennen etwas wertvolles daraus zu machen. Ich denke dabei an Jonas letzten Eintrag zum Leben: Ja was ist denn das Leben? Der Film Leben BRD zeigt das Modellhafte im Leben unserer Zeit, bzw. damals 1990 (heute ist es noch extremer). Je nachdem wen man fragt, so wird man eine andere Antwort darauf bekommen, was das Leben ist oder das angestrebte Lebensmodel.  Egal in welcher Kultur, eine Sache bleibt gleich: mit dem Leben geht auch der Tod einher – kann man das auch modellhaft darstellen? Kurz nachdem ich mir diese Frage stelle und sie versuche als Ton zu denken, fährt ein Rettungswagen mit schreienden Sirenen an mir vorbei. Vielleicht erkennt man Leben erst dann wenn es für einen selbst oder jemand den man liebt in Gefahr ist oder aber: es bleibt idealisiert, irgendwo zwischen dem ersten Schrei eines Neugeborenen und dem typischen Schrei eines sterbenden Hollywoodstars.

Dabei fällt mir eine Szene aus einem meiner Lieblingsfilme Große Vögel – kleine Vögel von Pier Paolo Pasolini, ein. In der Szene fragt Ninetto seinen Vater (gespielt von Toto), wie das sei „mit dem Sterben?“ Dabei imitiert er theatralisch das Einatmen – nach Luft schnappen; „und dann, (imitiert weiter) kann man das plötzlich nicht mehr? das Einatmen?“

Dem Kind scheint die einfachste aller überlebenswichtigen Instinkte – das Atmen – zu einfach und selbstverständlich zu sein, als dass es so wichtig wäre (also insgesamt zu abstrakt), deshalb muss er es theatralisch überspielen und in der offensichtlichen Fiktionalisierung darstellen.

Viele Grüße aus dem Liebesnest

Em

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Liaison mit dem Rhein – Von der Begeisterung für Schiffe

Résumé der letzten zwei Tage

(Tag 10&11: Samstag, Sonntag – 16/17. Mai)

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Vor zwei Tagen habe ich meine Eltern in Kehl getroffen. Mit dem Auto sind wir auf die französische Seite des Rheins, nach Straßburg, gefahren. Nach unendlicher Parkplatzsuche flanieren wir durch die sehr belebte Innenstadt. Während der ganzen Zeit habe ich den SOUNDMAN-Recorder im Ohr und nehme das vorwiegend französische „ge-walla-re“ auf („walla“ ist in Soundarchiven dieses undefinierbare Stimmenwirrwarr, das man sehr gut an öffentlichen Plätzen aufnehmen kann, bei denen man maximal Sprachfetzten mitbekommt) und denke dabei an die französische Episode unseres Films auf Nicos Weg. Ich laufe also als großes, alles aufzeichnendes Gehör durch Straßburg und suche die Nähe von Grüppchen, bevorzugt französischer Sprache. Wir setzen uns in ein Cafe „Le Jardin“ und schon wieder kommen meine Eltern in einem Projekt von mir vor. Wobei es diesmal kein Film über sie selbst ist und auch kein Film über deren Garten, denn leider haben sie keinen; jedenfalls nicht in Deutschland, wo sie wohnen, sondern nur auf Sardinien, wo sie herkommen. Apropos Auswandern, mir fällt ein: Heute wurde ich von einem Passanten gefragt, warum mein Rucksack so groß sei? Er: der festen Überzeugung, ich hätte meine Frau mit im Gepäck. Was er wohl glaubte, wo ich her sei? Ich stelle mir also vor, damals 1978 als meine Eltern nach Deutschland emigrierten, wie mein Vater meine Mutter auf die Schultern genommen hätte, um nach Deutschland auszuwandern. Ich vermute jedoch, dass sie sich auf halber Strecke abgewechselt hätten.

Auf der Rückfahrt nach Deutschland überqueren wir wieder den Rhein, doch bevor man die deutsche Seite erreicht, muss man durch eine industrielle Pufferzone, eine große Insel, ganz der Logistik, dem Schwertransport und der Industrie gewidmet. Ist es nicht bezeichnend, wenn der Weg zum Campingplatz zusammen mit der Beschilderung für die Gewerbezone ausgeschildert ist? Auf dem Weg aus Kehl finde ich den Warenumschlagplatz eines internationalen Logistikgroßunternehmens. Dort stehen reihenweise Campingwagen – Parallelen zeigen sich auf. Zum Abschied gibt meine Mutter mir einen Wetzstein für mein Messer mit auf den Weg! War das nicht auch der letzte Tausch, den Hans aus dem Märchen Hans im Glück durchführte, um sein Glück zu finden. Aber erst dessen Verlust brachte ihm letztlich Erlösung: »So glücklich wie ich«, rief er aus, »gibt es keinen Menschen unter der Sonne« Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort.“

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Am Rhein angeln

Am Rhein entlang mache ich mich auf den Weg weiter in Richtung Norden. Mir wird plötzlich klar, dass meine Routenplanung sich seit Freiburg verändert hat. Ich habe einen Moment der Verwirrung und frage mich, ob es nicht glücklicher wäre, ein Stück durch Frankreich zu laufen – in Richtung Saarbrücken. Leider fehlt mir der Kartenabschnitt dieses Gebiets, und Freunde erreiche ich sonntags auch keine, die mir Auskunft über das Gelände geben könnten. Ich laufe also weiter den Rhein entlang und warte auf Rückrufe. Ich gebe mir Zeit bis zum nächsten Übergang nach Frankreich, um meine Route evtl. abzuändern. Die Verwirrung legt sich kaum und die Füße laufen um so getriebener. Auf dem Weg vertreibe ich mir die wenig abwechslungsreiche Landschaft mit der Vorstellung, ein Spiel mit dem Rhein zu spielen: Mit dem linken Bein springe ich auf die französische Seite und mit dem rechten auf die deutsche; hin und her, links und rechts, hopp und hopp… Mit tiefer Stimme zieht das erste Frachtschiff an mir vorbei, es dauert eine Weile, bis der tiefe Bass in der weiten Landschaft nach dessen Vorbeischweifen abklingt. Ich stoße während meines Spiels auf einen Fischer, der in aller Seelenruhe am Ufer im hohen Gras sitzt und einfach nur wartet. Da wird mir alles klar: “Ich muss weiter so nah wie möglich am Rhein entlang gehen“, die Frage der Abkürzung über Frankreich erübrigt sich! Dafür muss ich jedoch eine andere Haltung einnehmen: Es wird Zeit, die Angel auszupacken und das Soundequipment umzudisponieren. Der Eilschritt wird zum Stillstand – ZEN und die hohe Kunst des Töne Angelns. Sagte nicht Konfuzius:„Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.

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Der Rhein ist wahrlich kein stilles Gewässer, doch laut wird es nur in sehr langen Intervallen. Ich nehme mir also vor, jedes Schiff, das am heutigen Tag an mir vorbeizieht, aufzunehmen und sie alle dann in einem Chor – einer Ode an die Schifffahrt – in der Montage übereinanderzulegen. Die 30 km Tagesmarsch sind nun nicht mehr zu schaffen, dafür jedoch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Klang dieser besonders weitläufigen Landschaft.

Zur bisherigen Methode:

Hier ein Auszug aus dem Tonkonzept vor dem Antritt der Reise:

„Ich komme an einen Ort, den ich nicht kenne. Naturgemäß sehe ich den Raum um mich herum und analysiere ihn: Ich fühle mich sicher, wenn ich Dinge erkenne und erfreue mich an den Besonderheiten des Ortes und des Raumes, die ich nicht kenne oder zum ersten Mal sehe. Ich höre und kann, muss aber nicht, zuweisen, woher die Töne kommen. Entweder kann ich es nicht, weil sie verschwindend kleinen Geräuschquellen entspringen oder weil mir der Blick auf die Geräuschquelle versperrt ist. Im Film bin ich es gewohnt (muss aber nicht), das zu hören, was ich sehe (über den Off-Ton brauchen wir an dieser Stelle nicht ausführlich sprechen).

Ich als Augenmensch, so wie vielleicht wir alle Augenmenschen sind, wenn wir nicht durch besondere Umstände Ohrenmenschen werden müssen oder als solche geboren werden, nämlich als Blinde, sehe einen Raum, bevor ich ihn höre bzw. akustisch analysiert habe. Unterschwellig  geschehen diese Wahrnehmungsprozesse (sehen, hören, riechen etc.) jedoch parallel und die vielen Eindrücke bedingen die Atmosphäre eines Ortes und das subjektive Gefühl, das man dabei verspürt. Das ist es schließlich, was einen Ort besonders macht und mich dazu führt, diesen Ort näher zu betrachten oder aktiv zu dokumentieren, evtl. mit Bild oder Ton. In meinem Fall ist es der Ton. Doch, ich kann nicht anders, als Augenmensch sein. Also wird mein Vorgehen, abgeleitet vom Sehen, so sein, dass ich das Ohr bzw. die Aufnahme – ganz dumm – dem Auge folgen lasse.

Ich komme also an einen Ort, sehe mich um und beschließe, erst eine Atmosphäre einzufangen, so unverfälscht wie möglich. Das mache ich am besten mit meinem Stereomikrofon, das ich in der Hand halten kann, oder aber mit meinen Ohrstöpselmikros (SOUNDMAN), die mir erlauben, auch im Laufen unbemerkt mein akustisches Umfeld aufzunehmen. Wenn etwas, ein Mensch oder ein Ding, besonders hervortritt, werde ich dessen Ton  direkt abnehmen. Im Falle eines Menschen wird es ein Gespräch sein, das ich mit dem Handmikrofon aufnehmen werde. Wenn es sich um etwas statisches oder einen Gegenstand handelt, werde ich dessen Ton mit den Kontaktmikrofonen abnehmen. Das ist, wie vom Weitwinkel zum Tele-Zoom zu wechseln, wenn man selber statisch bleibt, oder aber wie eine Fliege den Raum abscannt und sich im Raum selbst bewegt; wie mit einer Festbrennweite, die mal näher mal weiter weg von seinem Subjekt den Raum und die Einzelheiten einfangen muss.“

 

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Abweichen von der Methode

Ausgehend von der neuen Erkenntnis über den Umgang mit der Tonangel („Angeln am Rhein“) beschreibe ich kurz meinen sonstigen Umgang mit dem Equipment.

Mir ist aufgefallen, dass ich auf dem Land und wenn ich durch mir unbekannte Orte laufe (erkennbar als Wanderer mit Rucksack und Wanderhut), die Leute sehr zugänglich sind. Wenn ich einen Laden betrete, wie z. B. den Bäcker oder den Metzger des Ortes, dann trage ich ein Handaufnahmegerät in meiner Brusttasche oder meinen SOUNDMAN im Ohr. Ich beginne die Tonaufnahme vor dem Gespräch und gehe dann auf die Leute zu. Meistens bestelle ich etwas, um ins Gespräch zu kommen und frage dann, immer persönlicher werdend, weiter. Auf der Straße oder am Gartenzaun frage ich beispielsweise nach dem Weg zur nächsten Ortschaft. Traditionsbäckereien sind am Aussterben, deshalb ist es immer interessant zu fragen, wie es dazu kommt, dass sich die jeweilige Bäckerei in einem kleinen Ort so gut hält, das selbe gilt für Metzger und andere Familien- und Traditionsbetriebe. Meistens übernehmen die Kinder den Betrieb nämlich nicht und das Geschäft geht, aufgrund der großen Konkurrenz der Supermärkte, unter. Über solche Fragen kommen interessantere Gespräche zustande als nur über das Verkaufsgespräch. Auf dem Land finde ich vor allem die Sprache interessant. Wenn man dieses Konzept von Zürich bis Düsseldorf durchzieht, kann man sich vorstellen, welche Vielfalt an lokalen Sprachvariationen man dabei mitbekommt. Wenn ich jedoch in Städten bin, dann reduziert sich meine Interesse mehr auf Geräusche und gemischte Tonquellen, wie größere Menschenmengen. Denn die Menschen, die man in einer Stadt trifft, müssen nicht unbedingt von dort stammen, d.h. Städte sind anonym und, ausgehend von der Reinheit des Sprachgebrauchs, kein Garant für ein interessantes Gesamtergebnis. Man kann alles und jeden treffen, was auch interessant ist, aber nun mal eher dem Zufall überlassen und somit beliebig. Deshalb kann die Stadt in der Tonaufnahme sich meinetwegen auch konstant überlagern und übertönen, denn das entspricht dem urbanen Zusammenleben eher.

 

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Zurück zum Rhein

Als ich meine ersten großen Frachterschiffe aufnehme, fällt mir auf, dass es ungefähr fünf Minuten dauert, bis der Frachter akustisch an mir vorbeizieht. Von dem Moment an, an dem ich ihn mit bloßem Ohr höre, bis zu dem Moment, an dem ich den hinteren Teil, der wegen der Motoren lauter ist, nicht mehr höre. Am Ende stoßen die Wellen, die er hinterlässt, an die Brandung, was für einen Fluss sonst ungewöhnlich ist.

Die Ausdauer und Geduld, die diese Arbeit abverlangt, faszinierte mich am gestrigen Tag derart, dass ich beschloss, die Nacht am Flussufer zu verbringen. Ich war mir klar über das Risiko, am Ufer des Rheins zu übernachten, doch meine Faszination für den tiefen Ton der Frachtschiffe und dieses un-stille Gewässer waren größer als meine Angst. Ich schloss mich also bis auf einen winzigen Spalt, durch den ich meine Angel aus dem Zelt halten konnte, im Zelt ein und horchte gespannt in die Nacht und nach den einzufangenden Schiffchen.

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